Am 1. Juli 2026 kündigte Sony an, ab Januar 2028 keine physischen Discs mehr für neue PlayStation-Spiele zu produzieren. Am selben Tag startete die kanadische Einzelhändlerin Jade Pearce auf Change.org die Petition „Don’t Kill the Disc: Tell Sony to Keep Physical PlayStation Games”. Keine drei Wochen später steht der Zähler bei 329.813 Unterschriften (Stand: 18. Juli 2026, live abgefragt) – Tendenz weiter steigend. Parallel dazu rückt ein Ort in den Fokus, der für deutsche und österreichische Leser besonders relevant ist: Sonys letztes eigenes Presswerk für optische Medien steht nicht in Japan oder den USA, sondern im österreichischen Thalgau bei Salzburg. Genau dieses Werk wird gerade für eine völlig neue Zukunft umgerüstet.

Was ist die „Don’t Kill the Disc”-Petition?

Die Petition auf Change.org richtet sich direkt an Sony Interactive Entertainment und fordert das Unternehmen auf, Spielerinnen und Spielern in der kommenden Konsolengeneration – also spätestens ab der PS6 – weiterhin die Wahl zwischen physischem und digitalem Kauf zu lassen. Auslöser war Sonys eigener Blogeintrag vom 1. Juli 2026, in dem die Presswerksschließung für neue Titel ab Januar 2028 bestätigt wurde. Auffällig: „Don’t Kill the Disc” ist keine Einzelinitiative. Nach Recherchen von Push Square existieren mindestens 15 separate Petitionen mit ähnlicher Stoßrichtung, wobei Pearces Aufruf mit Abstand am meisten Zulauf erhält.

Bemerkenswert ist zudem, was bislang nicht passiert ist: Sony selbst hat sich öffentlich noch mit keinem Wort zur Petition geäußert. Video Games Chronicle brachte das in einer Schlagzeile bereits Anfang Juli auf den Punkt: „Sony goes quiet”. Dieses Schweigen ist inzwischen selbst Teil der Berichterstattung geworden, da es im Kontrast zu einem ähnlichen Fall aus dem Jahr 2021 steht, auf den weiter unten noch genauer eingegangen wird.

Die Zahlen: Wie die Unterschriften explodierten

Das Wachstum der Petition verlief in mehreren klar erkennbaren Schüben, jeweils ausgelöst durch neue Presseberichte und Reichweite in sozialen Netzwerken:

Datum 2026UnterschriftenEreignis
1. JuliStartSony-Ankündigung + Petitionsstart durch Jade Pearce
3. Juli (48 Std.)~40.000Erste virale Verbreitung
5. Juli (4 Tage)100.000„Impossible to ignore” – PC Guide
6. Juli124.149TheSixthAxis-Bericht
7. Juli~165.000„Sony goes quiet” – Video Games Chronicle
8. Juli213.022Kotaku-Update
11. Juli270.000+Italienische Fachpresse (Key4biz)
17. Juli325.227Direktabfrage Change.org
18. Juli (aktuell)329.813Direktabfrage Change.org (live)

Die Wachstumskurve zeigt kein einmaliges Strohfeuer, sondern anhaltenden Zulauf über mittlerweile mehr als zwei Wochen – ein Muster, das bei Konsumenten-Petitionen im Gaming-Bereich eher selten ist. Setzt sich die aktuelle Rate fort, dürfte die Petition die Marke von 400.000 Unterschriften noch im August 2026 erreichen.

Wer steckt hinter der Petition? Jade Pearce und PNP Games

Initiatorin der Petition ist Jade Pearce, Geschäftsführerin von PNP Games, einem 2005 gegründeten unabhängigen Einzelhändler mit drei Filialen in Kanada. Pearce ist damit keine Branchenfremde, sondern jemand, deren Geschäftsmodell direkt vom Fortbestand des physischen Marktes abhängt – ein Punkt, den Kritiker der Petition gerne anführen, der die inhaltlichen Argumente aber nicht entkräftet. In ihrer Petitionsbegründung, mehrfach bestätigt unter anderem von Dexerto, bringt sie den Kern ihres Anliegens so auf den Punkt:

„Eine Disc ist ein echtes Spiel, das man besitzt. Man kann es verleihen, tauschen, weiterverkaufen, verschenken, sammeln oder an die eigenen Kinder weitergeben. Eine Hülle mit nur einem Downloadcode ist nicht dasselbe.”

Jade Pearce, Gründerin von PNP Games und Initiatorin der Petition, via Dexerto

In einer zweiten, ebenfalls vielfach zitierten Passage der Petition geht Pearce über die reine Konsumentenperspektive hinaus und beschreibt die wirtschaftlichen Folgekosten eines kompletten Digitalumstiegs für die gesamte Branche – von Einzelhändlern über Logistikunternehmen bis zur Sammler-Community, die laut Pearce „stillschweigend ausgelöscht” würden, wenn Discs vollständig verschwinden.

Sonys Ankündigung: Das Ende der PlayStation-Disc ab Januar 2028

Wie shattered.io bereits berichtet hat, stellt Sony die Pressung neuer physischer PlayStation-Spiele ab Januar 2028 komplett ein. Bereits erschienene Titel bleiben davon zunächst unberührt – betroffen sind ausschließlich Neuveröffentlichungen ab dem Stichtag. Sony begründet den Schritt mit der fortschreitenden Verlagerung hin zum Digitalvertrieb: Der digitale Anteil am PlayStation-Software-Umsatz liegt konzernweit bereits bei schätzungsweise 78 bis 85 Prozent, Tendenz seit Jahren steigend.

Was in der ursprünglichen Ankündigung nicht im Vordergrund stand, aber für den DACH-Raum besonders bemerkenswert ist: Die Entscheidung hat unmittelbare, sehr konkrete industrielle Folgen – für ein Presswerk, das seit Jahrzehnten in Österreich steht und heute noch einen erheblichen Teil der weltweiten PlayStation-Discs produziert.

Die Ironie von E3 2013: Sonys eigenes Versprechen

Ein Detail, das in praktisch jeder Version der Petition auftaucht, verweist auf die E3 2013. Damals hatte der heutige Sony-Konzern einen seiner denkwürdigsten PR-Momente: Jack Tretton, damals Präsident von Sony Computer Entertainment America, erklärte auf der Bühne, die PS4 werde „keine neuen Einschränkungen für gebrauchte PS4-Spiele” einführen. Eine Folie endete mit dem Slogan „Keep It Forever”. Wie Kotaku später berichtete, bestätigte SCE-Chef Andrew House sogar, Teile des Skripts gezielt umgeschrieben zu haben, um sich von Microsofts damaligen DRM-Plänen für die Xbox One abzugrenzen. Sony gewann diese PR-Schlacht seinerzeit klar für sich.

„Die Ironie ist kaum zu übersehen. Auf der E3 2013 gewann Sony eine ganze Spielergeneration für sich, indem das Unternehmen versprach: Wer ein PlayStation-Spiel kauft, kann es eintauschen, verkaufen, an Freunde verleihen oder einfach ‚für immer behalten’ – und verspottete öffentlich die Konkurrenz dafür, genau das einschränken zu wollen. Dreizehn Jahre später ist es nun Sony selbst, das dieses Versprechen zurücknimmt.”

Jade Pearce, via Bounding Into Comics

Österreich im Zentrum: Sonys Werk in Thalgau rüstet um

Für deutsche und speziell österreichische Leser liegt die eigentliche lokale Nachricht nicht in der Petition selbst, sondern rund 300 Kilometer südöstlich von München: im Werk von Sony DADC (Digital Audio Disc Corporation) in Thalgau bei Salzburg. Es handelt sich um das letzte verbliebene eigene Presswerk, das Sony weltweit für optische Medien betreibt – und es ist längst mehr als nur PlayStation-Zulieferer.

Von 600.000 Discs täglich zu Mikrolinsen fürs Auto

Laut Recherchen von ORF Salzburg und der Wirtschaftskammer Österreich (WKO) presst das Werk in Thalgau aktuell bis zu 600.000 Discs täglich – CDs, DVDs, Blu-rays und UHDs – und kommt konzernweit auf mehr als 100 Millionen produzierte Speichermedien pro Jahr. Rund 300 Beschäftigte arbeiten am Standort. Sony hat nach übereinstimmenden Angaben beider Quellen bereits 30 Millionen Euro in den Aufbau einer neuen Sparte investiert: die Fertigung von Mikrolinsen für die sogenannte Micro-Optics-Technologie. Für 2027 sind laut WKO weitere 10 Millionen Euro eingeplant, um den Standort als Hightech-Werk abzusichern. Die Serienproduktion der neuen Optiksparte soll 2027 anlaufen.

Was Sony DADC zur Umstellung sagt

Sony-DADC-Geschäftsführer Dietmar Tanzer bezifferte gegenüber dem ORF den PlayStation-Anteil am aktuellen Werksvolumen auf etwa 50 Prozent – mit stark fallender Tendenz. Bis 2028 rechnet er nach eigenen Angaben nur noch mit rund 10 Prozent PlayStation-Anteil am Gesamtvolumen des Werks. Die Beschäftigung soll dem Unternehmen zufolge mindestens bis Anfang 2028 stabil bleiben, da Disc-Mitarbeitende bereits schrittweise in die neue Optik-Sparte wechseln.

Markus Streibl, der die neue Micro-Optics-Sparte bei Sony DADC leitet, erläuterte gegenüber ORF und WKO das Funktionsprinzip: Bei Micro Optics geht es um die Miniaturisierung optischer Systeme, die Licht auf kleinstem Raum bündeln und lenken. Als konkrete Anwendungsbeispiele nannte er Fahrzeug-Blinker, die ihr Signal direkt auf die Fahrbahn projizieren, sowie Warnprojektionen von Gabelstaplern auf den Hallenboden – beides Anwendungen aus der Automobil- und Industriebranche, weit entfernt vom ursprünglichen Kerngeschäft des Presswerks. Für ein Werk, dessen Existenz vor wenigen Jahren noch untrennbar mit dem PlayStation-Geschäft verknüpft schien, ist das eine bemerkenswerte Neuausrichtung – und zugleich ein seltenes Beispiel dafür, wie konkret sich eine globale Plattformentscheidung auf einen einzelnen Industriestandort in Österreich auswirkt.

Die EU winkt ab: Kommissar McGrath sieht keine Handhabe

Angesichts der Größenordnung der Petition stellte sich früh die Frage, ob europäische Regulierungsbehörden eingreifen könnten. Die Antwort kam von Michael McGrath, EU-Kommissar für Demokratie, Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Verbraucherschutz – und sie fiel eindeutig aus, wie TechSpot dokumentierte:

„Letztlich geht es um unternehmerische und vertragliche Freiheiten: Unternehmen steht es frei, Spiele und Dienste so anzubieten, wie sie es für richtig halten – solange die Verbraucherrechte vollständig im Einklang mit nationalem und europäischem Recht geschützt bleiben.”

Michael McGrath, EU-Kommissar für Demokratie, Justiz, Rechtsstaatlichkeit und Verbraucherschutz, via TechSpot

Bemerkenswert: Derselbe Kommissar hatte erst wenige Wochen zuvor eine praktisch identische Antwort im Fall der „Stop Killing Games”-Initiative gegeben, die mit rund 1,3 Millionen Unterschriften ebenfalls auf ein verbindliches EU-Gesetz gehofft hatte. Auch dort verwies die EU-Kommission am 16. Juni 2026 auf fehlende rechtliche Handhabe. Der Grund liegt tiefer: Die EU-Reparaturrichtlinie (2024/1799) klammert Spielkonsolen explizit aus ihrem Anwendungsbereich aus. Der einzige EU-Hebel, der bislang tatsächlich eine Hardware-Änderung bei Konsolen erzwungen hat, ist die EU-Batterieverordnung (EU) 2023/1542, die Nintendo zu einem wechselbaren Akku bei der Switch 2 verpflichtet – für Disc-Formate und Software-Vertrieb existiert kein vergleichbares Instrument.

Sony hat schon einmal zurückgerudert: Die PS3/Vita-Lektion von 2021

Sonys aktuelles Schweigen wirkt besonders auffällig vor dem Hintergrund eines Präzedenzfalls aus dem Jahr 2021. Damals kündigte Sony im März an, die PlayStation Stores für PS3, PS Vita und PSP im Sommer zu schließen. Nach heftigem öffentlichem Protest ruderte das Unternehmen im April 2021 zurück – zumindest teilweise. Der damalige PlayStation-Chef Jim Ryan äußerte sich, wie Forbes dokumentierte, unmissverständlich selbstkritisch:

„Kürzlich haben wir Spielerinnen und Spieler informiert, dass der PlayStation Store für PS3 und PS Vita in diesem Sommer schließen sollte. Nach reiflicher Überlegung ist jedoch klar, dass wir hier die falsche Entscheidung getroffen haben …”

Jim Ryan, damaliger PlayStation-Chef, 2021, via Forbes

Die PSP-Store-Schließung blieb 2021 bestehen, PS3 und PS Vita wurden verschont – damals. Die Pointe der Geschichte: Genau diese beiden Stores schließen nun, sechs Jahre später, tatsächlich endgültig im Juli 2027. Der 2021er-Rückzieher war also eher ein Aufschub als eine dauerhafte Kursänderung – ein Muster, das Kritiker der aktuellen Petition als Warnung verstehen, sich nicht zu früh zu freuen, sollte Sony auch diesmal nachgeben.

Digital vs. physisch: Sony, Microsoft und Nintendo im Vergleich

Sonys Schritt ist unter den drei großen Konsolenherstellern der bislang radikalste, aber nicht der einzige Trend in Richtung Digitalvertrieb. Die Strategien unterscheiden sich jedoch deutlich:

PlattformDigitalanteilPhysischer AnteilStrategie zu physischen Medien
PlayStation (Sony)~78–85 %~15–22 %Hartes Enddatum: Januar 2028 für Neuveröffentlichungen
Xbox (Microsoft)~90 %~10 %Kein offizielles Enddatum; freiwilliges „Disc-to-Digital”-Programm im Rahmen von Project Helix
Nintendo Switch~53 %~47 %Physischste der drei Plattformen; Switch 2 setzt weiter auf Module
Gesamtmarkt Deutschland68 %~32 %game e.V.-Jahresreport 2025, Downloadanteil von 60 % auf 68 % gestiegen

Laut dem Jahresreport der deutschen Games-Branche des Verbands game e.V. wuchs der deutsche Games-Markt zuletzt um 4 Prozent auf rund 9,4 Milliarden Euro Umsatz. Der Downloadanteil sprang von 60 auf 68 Prozent, wobei die Verteilung stark vom Endgerät abhängt: Bei PC-Spielen liegt der digitale Anteil bei rund 99 Prozent, bei Konsolenspielen bleibt physischer Vertrieb deutlich relevanter. Genau diese Konsolen-Käuferschaft ist es, die von Sonys Entscheidung am stärksten betroffen wäre. Auffällig zudem: Abo-Dienste wie PlayStation Plus und Xbox Game Pass knackten laut demselben Report erstmals gemeinsam die Umsatzschwelle von einer Milliarde Euro in Deutschland – ein Beleg dafür, wie sehr sich das Geschäftsmodell der Branche insgesamt bereits in Richtung wiederkehrender Digitalerlöse verschoben hat.

Die juristische Front: Sammelklagen gegen den PlayStation Store

Die Petition steht nicht isoliert da. Wie shattered.io bereits bei der Berichterstattung zur PlayStation-Store-Sammelklage eingeordnet hat, befindet sich Sony parallel in mehreren zivilrechtlichen Auseinandersetzungen rund um die Preisgestaltung im PlayStation Store. Das Disc-Aus liefert den Klägern nun ein zusätzliches Argument.

Land/RegionKlägerForderungStatus
NiederlandeStichting Massaschade & Consument („Fair PlayStation”)über 400 Mio. € für ca. 1,7 Mio. NutzerAnhörung 29. Juni 2026
Vereinigtes KönigreichAlex Neill („PlayStation You Owe Us”)rund 2 Mrd. £Verfahren läuft, Urteil ausstehend
USA (Sammelklage)Kläger u. a. Caccuri7,85 Mio. $Vorläufig gerichtlich gebilligter Vergleich
USA (Kalifornien)vier Kläger, Berufung auf AB 2426irreführende „Jetzt kaufen”-FormulierungKlage eingereicht 18. Juni 2026

Besonders deutlich wird die Verbindung beider Themen in einer Stellungnahme von Lucia Melcherts, Vorsitzende der niederländischen Stichting Massaschade & Consument, die gegenüber WCCFTech exklusiv Stellung bezog und deren Aussage auch von PC Gamer aufgegriffen wurde:

„Das Ende physischer Discs beseitigt den letzten Ort, an dem ein PlayStation-Spiel noch zu einem wettbewerbsfähigen Preis gekauft und verkauft werden konnte. Keine Discs bedeuten keinen Gebrauchtmarkt und keine Alternative zum PlayStation Store – ab 2028 entscheidet Sony allein, was ein Spiel kostet und wie lange man es überhaupt nutzen darf.”

Lucia Melcherts, Vorsitzende der Stichting Massaschade & Consument, via WCCFTech

Eigentum vs. Lizenz: Warum physische Medien technisch anders funktionieren

Aus technischer Sicht trifft die Kritik der Kläger einen realen Unterschied. Eine physische Disc ist rechtlich und technisch ein Trägermedium mit übertragbarem Eigentum: Sie funktioniert unabhängig von einem fortbestehenden Nutzerkonto, kann weiterverkauft, verliehen oder vererbt werden. Ein digitaler Kauf im PlayStation Store ist dagegen technisch als widerrufliche Lizenz ausgestaltet, die an ein Konto gebunden ist und unter bestimmten Bedingungen entzogen werden kann – etwa bei Kontosperrung, bei Schließung eines regionalen Stores oder wenn ein Publisher einen Titel aus dem Angebot nimmt. Vereinfacht lässt sich der Unterschied so darstellen:

// Illustratives Konzept – KEINE echte Sony-API, nur zur Veranschaulichung

{
  "medium": "physische_disc",
  "eigentumsmodell": "übertragbares_eigentum",
  "uebertragbar": true,
  "weiterverkaufbar": true,
  "erfordert_plattform_login": false
}

{
  "medium": "digitale_lizenz",
  "eigentumsmodell": "widerrufliches_nutzungsrecht",
  "uebertragbar": false,
  "weiterverkaufbar": false,
  "erfordert_plattform_login": true,
  "widerrufsgruende": [
    "kontosperrung",
    "schliessung_des_regionalen_stores",
    "publisher_delisting"
  ]
}

Für sicherheits- und datenschutzbewusste Leser ist dabei ein weiterer Punkt relevant: Ein vollständig digitales Ökosystem erhöht zwangsläufig die Abhängigkeit von einem einzigen Konto und dessen Absicherung. Wer ausschließlich digital kauft, sollte Zwei-Faktor-Authentifizierung und ein einzigartiges, starkes Passwort für sein PlayStation-Konto als Minimum betrachten – fällt dieses Konto einem Angriff zum Opfer, steht potenziell die gesamte Spielebibliothek auf dem Spiel, nicht nur ein einzelner Titel.

Was das für Spieler in Deutschland und Österreich bedeutet

Für den DACH-Raum hat die Geschichte eine doppelte Relevanz. Zum einen betrifft die Kaufentscheidung künftig unmittelbar deutsche und österreichische Konsolenkäufer, sobald ab 2028 physische Neuveröffentlichungen wegfallen. Zum anderen ist Österreich mit dem Werk in Thalgau nicht nur Zuschauer, sondern realer Schauplatz der industriellen Folgen dieser globalen Plattformentscheidung – ein Fall, der über die reine Gaming-Berichterstattung hinausgeht und in die regionale Wirtschaftsberichterstattung hineinreicht.

Gleichzeitig zeigt der Vergleich mit der bereits erwähnten EU-Batterieverordnung bei der Switch 2, dass europäische Regulierung Konsolenhersteller sehr wohl zu Verhaltensänderungen zwingen kann – aber eben nur dort, wo eine passende Rechtsgrundlage existiert. Für den Fortbestand physischer Spiele gibt es diese Grundlage aktuell nicht, wie Kommissar McGrath bestätigte. Deutsche und österreichische Verbraucherschützer haben in der Vergangenheit bereits gegen Sony reüssiert, etwa bei der vom Kammergericht Berlin bestätigten Pflicht zur Zustimmung bei PlayStation-Plus-Preiserhöhungen. Ob ein vergleichbarer Erfolg auch beim Disc-Aus gelingen könnte, ist offen – ein direkter deutscher Rechtsweg zur Fortführung der Disc-Produktion zeichnet sich derzeit jedoch nicht ab.

Historischer Kontext: Von The Crew bis Stop Killing Games

Die aktuelle Debatte fügt sich in eine längere Reihe von Konflikten zwischen Publishern und einer wachsenden Bewahrungs- beziehungsweise Eigentums-Bewegung unter Spielern ein. Ausgangspunkt war 2024 die Abschaltung der Server von Ubisofts Rennspiel „The Crew” (rund 12 Millionen verkaufte Exemplare), die ohne Server komplett unspielbar wurde und direkt die „Stop Killing Games”-Bewegung auslöste. Eine von der Community entwickelte Server-Emulation, veröffentlicht im September 2025, bewies immerhin, dass eine Bewahrung technisch machbar gewesen wäre. Die daraus entstandene EU-Bürgerinitiative „Stop Killing Games” sammelte rund 1,3 Millionen Stimmen, erhielt von der EU-Kommission am 16. Juni 2026 jedoch ebenfalls eine ablehnende, nicht bindende Antwort.

„Don’t Kill the Disc” unterscheidet sich davon in einem wichtigen Punkt: Es geht nicht um die nachträgliche Abschaltung eines bereits gekauften Produkts, sondern um die vorausschauende Einschränkung künftiger Kaufoptionen. Beide Bewegungen treffen sich jedoch im selben Grundargument – dass digitale Distribution Kontrollrechte auf die Plattformbetreiber verlagert, die Käufer beim physischen Kauf traditionell selbst innehatten. Auch die laufende Kartellklage gegen Valve/Steam in den USA argumentiert in eine ganz ähnliche Richtung: geschlossene Plattform-Ökosysteme ohne echten Wettbewerb um Vertriebskonditionen.

Reaktionen aus Branche und Sammlerszene

Die Reaktionen der Fachpresse fallen überwiegend kritisch bis besorgt aus. Mehrere Redaktionen, darunter GameSpot und Tom’s Hardware, ordnen die Petition als Ausdruck einer tieferliegenden Sorge um digitale Bewahrung ein: Ohne physischen Datenträger hängt der langfristige Zugriff auf ein Spiel vollständig vom Fortbestand von Sonys Serverinfrastruktur und Geschäftsentscheidungen ab. Für die Retro- und Sammlerszene, die auf shattered.io etwa im Zusammenhang mit Emulatoren wie RPCS3 oder PCSX2 regelmäßig Thema ist, verschärft das Disc-Aus ein bereits bestehendes Problem: Physische PS4- und PS5-Erstauflagen dürften mittelfristig zu gesuchten, potenziell wertsteigernden Sammlerstücken werden, sobald ihr Nachschub versiegt.

Auf Händlerseite wiederum warnen unabhängige Geschäfte wie Pearces eigenes PNP Games vor konkreten wirtschaftlichen Folgen: Ohne Neuware verlieren stationäre Spielehändler eine zentrale Umsatzsäule, was mittelfristig auch den Gebrauchtmarkt austrocknen könnte, da irgendwann schlicht weniger physische Exemplare im Umlauf sind.

Prognosen: Wie es 2026 und darüber hinaus weitergeht

  • Keine kurzfristige Kehrtwende: Anders als 2021 ist die Werksumstellung in Thalgau bereits mit 30 Millionen Euro finanziell besiegelt. Ein vollständiges Zurückrudern wie beim PS3/Vita-Store erscheint deutlich unwahrscheinlicher, ein PS6-Kompromissmodell mit optionalem Laufwerk ist dagegen nicht ausgeschlossen.
  • Petition dürfte 2026 die 400.000er-Marke knacken: Bei anhaltender Wachstumsrate ist dieser Meilenstein noch im August realistisch, sofern neue Presseberichte oder eine Sony-Reaktion für erneuten Schub sorgen.
  • Die Sammelklagen dürften das Disc-Aus aktiv als Beweismittel nutzen: Vor allem im niederländischen und britischen Verfahren wird die wegfallende physische Alternative als zusätzliches Argument für ein geschlossenes, unfaires Preissystem angeführt werden.
  • Gebrauchtpreise für physische PS4/PS5-Titel dürften mittelfristig steigen: Mit einem absehbaren Ende des Nachschubs wird das verfügbare Angebot endlich, was klassische Knappheitseffekte auf dem Sammlermarkt auslösen könnte.
  • Weitere Konsolenhersteller könnten physische Medien als Differenzierungsmerkmal bewerben: Sowohl Nintendo als auch Microsoft könnten den Verzicht auf ein hartes Enddatum künftig stärker als Verkaufsargument gegenüber Sony positionieren.

Alle fünf Einschätzungen sind Analysen auf Basis der aktuellen Faktenlage und keine bestätigten Sony-Ankündigungen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist die „Don’t Kill the Disc”-Petition genau?

Es handelt sich um eine Change.org-Petition, gestartet am 1. Juli 2026 von Jade Pearce (PNP Games), die Sony auffordert, physische PlayStation-Spiele auch über 2028 hinaus anzubieten. Sie hat aktuell 329.813 Unterschriften.

Wann stellt Sony die Produktion physischer PlayStation-Spiele ein?

Ab Januar 2028 presst Sony keine Discs mehr für neu erscheinende PlayStation-Spiele. Bereits veröffentlichte physische Titel sind davon nicht direkt betroffen.

Kann die EU Sony zwingen, die Disc-Produktion fortzusetzen?

Nein. EU-Kommissar Michael McGrath stellte klar, dass es sich um eine unternehmerische Entscheidung im Rahmen der Vertragsfreiheit handelt. Die EU-Reparaturrichtlinie schließt Spielkonsolen ausdrücklich aus, ein vergleichbarer Hebel wie bei der EU-Batterieverordnung existiert für Disc-Formate nicht.

Was passiert mit Sonys Presswerk in Österreich?

Das Werk Sony DADC in Thalgau bei Salzburg wird schrittweise von PlayStation-Disc-Produktion auf die Fertigung von Mikrolinsen für Automobil- und Industrieanwendungen umgestellt. Sony investierte dafür bereits 30 Millionen Euro, weitere 10 Millionen Euro sind für 2027 vorgesehen. Die rund 300 Arbeitsplätze sollen mindestens bis Anfang 2028 erhalten bleiben.

Hat Sony schon einmal eine ähnliche Entscheidung zurückgenommen?

Ja. 2021 kündigte Sony die Schließung der PS3-, PS Vita- und PSP-Stores an, nahm die Schließung für PS3 und PS Vita nach öffentlichem Protest jedoch zurück. Beide Stores schließen nun aber tatsächlich im Juli 2027 – der damalige Rückzieher war also nur ein Aufschub.

Wie stehen Xbox und Nintendo im Vergleich zu physischen Spielen da?

Xbox hat trotz rund 90 Prozent Digitalanteil kein offizielles Enddatum für physische Medien angekündigt und bietet stattdessen ein freiwilliges Disc-to-Digital-Programm an. Nintendo bleibt mit rund 47 Prozent physischem Anteil bei der Switch die physischste der drei großen Plattformen.

Welche Verbindung besteht zur PlayStation-Store-Sammelklage?

Kläger in den Niederlanden und Großbritannien argumentieren, dass der Wegfall physischer Discs die letzte Alternative zum PlayStation Store beseitigt und Sony damit vollständige Preiskontrolle über digitale Spiele verschafft – ein zentrales Argument in den laufenden Sammelklagen mit Forderungen von zusammen mehreren Milliarden Euro/Pfund.

Betrifft das Disc-Aus auch die PS6?

Die Petition zielt explizit auch auf die kommende Konsolengeneration ab und fordert, dass Sony spätestens bei der PS6 wieder eine physische Kaufoption anbietet. Offizielle Details zu einem möglichen Laufwerk der PS6 hat Sony bislang nicht bestätigt.

Weiterführende Berichterstattung