Am 2. September 2026 hat Microsoft mit Visual Studio Code 1.136 ein Update veröffentlicht, das die Rolle von KI-Agenten in der Softwareentwicklung neu ordnet. Herzstück ist Agent Merge, eine Preview-Funktion, die Pull Requests eigenständig bis zur Merge-Reife bringt: Sie beantwortet Review-Kommentare, behebt fehlgeschlagene Checks und löst Merge-Konflikte auf, ohne dass ein Mensch jeden Schritt absegnen muss. Parallel dazu meldet JetBrains in einer eigenen Auswertung, dass der Marktanteil von GitHub Copilot am Arbeitsplatz von 29 auf 21 Prozent gefallen ist. Beide Entwicklungen hängen zusammen: Der Wettlauf um die Kontrolle über den kompletten Entwicklungs-Workflow, nicht nur über die Codezeile, hat eine neue Phase erreicht.

VS Code 1.136: Was sich am 2. September 2026 geändert hat

Die offiziellen Release Notes von Visual Studio Code beschreiben 1.136 als Version, die dabei hilft, “Pull Requests mit Agenten fertigzustellen und Agentenarbeit über komplexe Workspaces und verwandte Chats hinweg zu verwalten”. Noch am selben Tag folgte mit 1.136.1 ein kleines Bugfix-Release, das einige der neuen Funktionen stabilisierte. Erst wenige Wochen zuvor hatte VS Code 1.129 mit dem isolierten Copilot-Agent-Host die Sicherheitsarchitektur für Agenten neu aufgestellt, worauf 1.136 nun funktional aufbaut. Vier Neuerungen stechen heraus: Agent Merge als Preview-Funktion, agentenfähige Multi-Root-Workspaces im Experimentalstatus, eine hierarchische Ordnung für Chat-Sitzungen sowie personalisierbare Hintergründe im Agenten-Fenster. Zusammengenommen zeigen sie, dass Microsoft das Agenten-Panel nicht mehr als Beiwerk des Editors behandelt, sondern als eigenständige Arbeitsfläche neben Editor und Terminal.

Für Teams, die täglich Dutzende Pull Requests bearbeiten, ist das kein kosmetisches Detail. Wer bislang jeden Kommentar aus einem Code-Review manuell abarbeiten musste, bekommt mit Agent Merge erstmals eine Funktion, die diesen Prozess direkt im Editor automatisiert, statt ihn nur zu unterstützen.

FunktionStatusWas sie tut
Agent MergePreviewBeantwortet Review-Kommentare, repariert fehlgeschlagene Checks und löst Merge-Konflikte, bis der PR mergefertig ist
Multi-Root-Workspace-AgentenExperimentalCopilot- und Claude-Agentensitzungen laufen ordnerübergreifend über den gesamten Workspace
Chat-Session-HierarchieStabilVerwandte Chats werden als Baumstruktur organisiert, offene Punkte werden markiert
Chat-HintergründeExperimentalPersonalisierung des Agenten-Fensters mit vorgefertigten Mustern oder eigenen Bildern
Update 1.136.1StabilFehlerbehebungen zum Basisrelease vom 2. September 2026

Agent Merge im Detail: So schließt die KI Pull Requests ab

Agent Merge setzt an einem der lästigsten Teile der Softwareentwicklung an: dem Endspurt eines Pull Requests. Ein PR bleibt in der Praxis oft tagelang liegen, weil ein Reviewer kleine Änderungen verlangt, ein CI-Check fehlschlägt oder der Zielbranch sich weiterentwickelt hat und Konflikte entstehen. Laut den GitHub-Release-Notes für September 2026 übernimmt Agent Merge genau diese drei Blockaden: Es wertet Reviewkommentare aus und setzt sie im Code um, es analysiert fehlgeschlagene Checks und passt Code oder Konfiguration an, und es löst Merge-Konflikte auf, bevor es den PR zum Zusammenführen freigibt.

Wichtig ist der Preview-Status. Microsoft sammelt derzeit aktiv Feedback, bevor die Funktion zum Standardwerkzeug für KI-gestützte Reviews wird. Entwickler, die die Funktion testen, sollten also nicht davon ausgehen, dass jeder Randfall bereits sauber abgedeckt ist. Gerade bei sicherheitsrelevantem Code oder Compliance-Anforderungen bleibt ein manueller Blick vor dem finalen Merge sinnvoll, auch wenn der Agent den PR technisch als bereit markiert.

Multi-Root-Workspaces: Agenten arbeiten jetzt ordnerübergreifend

Die zweite große Neuerung betrifft Monorepos und Microservice-Setups. Bisher war eine Agentensitzung in VS Code meist an einen einzelnen Ordner gebunden. Mit 1.136 können Copilot- und Claude-Agentensitzungen nun über alle Ordner eines Multi-Root-Workspaces hinweg arbeiten, wie es in den offiziellen Release Notes heißt. Für ein Team, das Frontend, Backend und Infrastruktur-Code in getrennten Repositories, aber einem gemeinsamen Workspace verwaltet, bedeutet das: Ein Agent kann eine API-Änderung im Backend vornehmen und im selben Arbeitsschritt den passenden Frontend-Aufruf anpassen, ohne dass der Entwickler manuell zwischen Fenstern wechselt.

Die explizite Nennung von Copilot und Claude als unterstützte Backends zeigt außerdem, wohin sich VS Code als Plattform entwickelt: weg von einem exklusiven Copilot-Werkzeug, hin zu einer Umgebung, in der mehrere KI-Anbieter parallel eingebunden werden. Das deckt sich mit dem Copilot-Agent-Plugin-Standard, den GitHub im Jahr zuvor eingeführt hatte, um Drittanbieter-Modelle über eine offene Schnittstelle anzubinden.

Chat-Hierarchie und personalisierte Hintergründe: Ordnung im Agenten-Alltag

Wer regelmäßig mit KI-Agenten arbeitet, kennt das Problem: Nach ein paar Stunden häufen sich Dutzende offene Chat-Sitzungen, von denen die meisten längst erledigt sind. VS Code 1.136 ordnet verwandte Chats jetzt in einer Baumstruktur, sodass Entwickler auf einen Blick sehen, welche Unterhaltung noch eine Aktion braucht, etwa weil der Agent auf eine Rückfrage wartet. Diese Funktion hat bereits Stable-Status erreicht, im Gegensatz zu Agent Merge und den Multi-Root-Workspaces.

Weniger funktional, aber bezeichnend: Das Agenten-Fenster lässt sich nun mit eingebauten Mustern oder eigenen Bildern personalisieren. Diese experimentelle Funktion wirkt zunächst wie Spielerei. Sie signalisiert aber, dass Microsoft das Agenten-Panel als dauerhafte, zentrale Arbeitsoberfläche versteht, vergleichbar mit dem Editor-Fenster selbst, nicht als temporäres Hilfsfenster für gelegentliche Anfragen.

code --version
# Erwartete Ausgabe nach dem Update auf das Agent-Merge-Release:
# 1.136.x

code --list-extensions | grep -i copilot
# Prüft, ob die GitHub-Copilot-Erweiterung installiert und aktuell ist

GitHub Copilot Workspace zieht mit spezialisierten Agenten nach

Agent Merge steht nicht isoliert da. In derselben Woche berichteten Branchenbeobachter, dass GitHub Copilot Workspace nun mehrere spezialisierte Agenten gleichzeitig auf unterschiedlichen Teilen einer Codebasis arbeiten lässt, mit getrennten Agenten für Implementierung, Tests und Dokumentation, die sich über einen gemeinsamen Kontext koordinieren. Copilot Workspace hatte erst wenige Monate zuvor nach 14-monatiger Preview-Phase die allgemeine Verfügbarkeit erreicht und unterstützte damals bereits die parallele Bearbeitung von bis zu zehn Repositories.

Die Logik dahinter ist konsistent: Statt eines einzelnen General-Purpose-Agenten setzt GitHub zunehmend auf arbeitsteilige Teams aus spezialisierten Agenten, ähnlich wie ein menschliches Entwicklerteam Rollen wie Feature-Entwicklung, QA und Doku-Pflege aufteilt. Agent Merge in VS Code lässt sich als der Baustein lesen, der diese Teamarbeit am Ende des Prozesses zusammenführt, also genau am Punkt, an dem ein Pull Request entweder gemergt oder zurückgewiesen wird.

JetBrains kontert: Rider 2026.2 öffnet die IDE für fremde Agenten

Während Microsoft den PR-Workflow automatisiert, geht JetBrains einen anderen Weg. Mit Rider 2026.2, der aktuellen Version der .NET-IDE, öffnet JetBrains die interne Projektintelligenz der IDE für externe KI-Agenten. Statt Projektstruktur, Testergebnisse und Profiling-Daten mühsam aus Dateien und Terminal-Output zu rekonstruieren, können Agenten laut JetBrains-Blog direkt auf dieses Wissen zugreifen. Ergänzt wird das um neue Agent Skills für Testing, Profiling und Refactoring sowie eine native GitHub-Copilot-Integration, wodurch Rider zu einer der ersten IDEs wird, die Agenten ausdrücklich als gleichberechtigte Nutzer der eigenen Analysewerkzeuge behandelt. Das setzt einen Trend fort, den JetBrains bereits mit der nativen Agenten-Integration in IntelliJ IDEA 2026.2 vorgezeichnet hatte.

Der Unterschied zur Microsoft-Strategie ist subtil, aber real. VS Code baut ein Agenten-natives Interface direkt in den Editor, JetBrains öffnet stattdessen die Innereien einer etablierten, spezialisierten IDE für beliebige Agenten von außen. Für .NET-Teams, die stark auf Riders Profiling- und Debugging-Tiefe angewiesen sind, dürfte dieser Ansatz attraktiver sein als ein Wechsel zu einem generalistischeren Editor.

Marktanteile 2026: Warum Copilots Kurve nach unten zeigt

Die neuen Funktionen entstehen vor dem Hintergrund einer Marktverschiebung, die JetBrains in einer eigenen Erhebung dokumentiert hat. Die JetBrains AI Pulse Survey befragte im Jänner 2026 mehr als 10.000 professionelle Entwickler und ermittelte für GitHub Copilot eine Arbeitsplatz-Adoption von 29 Prozent, vor ChatGPT mit 28 Prozent sowie Cursor und Claude Code mit je 18 Prozent. In der Folgeerhebung von Mai bis Juli 2026 zeigte sich laut demselben JetBrains-Blog ein deutlich anderes Bild: Copilots Anteil fiel auf 21 Prozent, Cursor sank von 18 auf 12 Prozent. Der auffälligste Ausreißer ist OpenAI Codex, dessen Nutzung im selben Zeitraum von 3 auf 16 Prozent stieg, ein Wachstum um mehr als das Fünffache innerhalb weniger Monate.

Eine zweite, unabhängige Erhebung von Digital Applied unter 2.847 Entwicklern kommt für das erste Quartal 2026 zu einem ähnlichen Trend, wenn auch mit anderen absoluten Zahlen. Dort führt Claude Code mit 28 Prozent Anteil als primäres Werkzeug, ein Plus von 7 Prozentpunkten gegenüber dem Vorquartal, gefolgt von Cursor mit 24 Prozent. GitHub Copilot liegt bei 17 Prozent Primärnutzung, ein Rückgang von 4 Prozentpunkten, wird aber laut derselben Studie von 58 Prozent der befragten Entwickler zumindest gelegentlich genutzt, der höchste Wert für “Any-Use” in der gesamten Erhebung.

WerkzeugAdoption Jänner 2026Adoption Mai–Juli 2026Veränderung
GitHub Copilot29 %21 %-8 Prozentpunkte
Cursor18 %12 %-6 Prozentpunkte
OpenAI Codex3 %16 %+13 Prozentpunkte
JetBrains AI (IDEs/Junie)nicht separat ausgewiesenca. 9 %neu erfasst

Quelle für beide Messzeitpunkte: JetBrains-Forschungsblog, “AI Coding Agents: Adoption Trends”, blog.jetbrains.com.

Cursor, Claude Code und Windsurf: Die Herausforderer im Detail

Die Zahlen von Digital Applied liefern ein feineres Bild der Konkurrenzlandschaft. Neben Claude Code und Cursor an der Spitze verzeichnet Windsurf 5 Prozent Primärnutzung bei 14 Prozent Any-Use, ein leichter Rückgang von einem Prozentpunkt zum Vorquartal. Warp AI, ein vergleichsweise junger Anbieter, wächst dagegen von einer kleinen Basis aus um einen Punkt auf 4 Prozent Primärnutzung, aber 19 Prozent Any-Use, was auf eine breite Testbereitschaft bei noch geringer Festlegung hindeutet.

WerkzeugPrimär-Anteil (Q1 2026)Any-Use-AnteilVeränderung zum Vorquartal
Claude Code28 %54 %+7 Punkte
Cursor24 %49 %+2 Punkte
GitHub Copilot17 %58 %-4 Punkte
Windsurf5 %14 %-1 Punkt
Warp AI4 %19 %+1 Punkt

Quelle: Digital Applied, “AI Coding Tool Adoption 2026: Developer Survey Results”, Befragung von 2.847 Entwicklern, digitalapplied.com.

Auffällig ist, dass Copilot trotz sinkender Primärnutzung die höchste Any-Use-Quote aller gemessenen Werkzeuge hält. Das deutet darauf hin, dass viele Entwickler Copilot weiterhin als Basiswerkzeug in der IDE laufen lassen, für anspruchsvollere Aufgaben aber gezielt zu Claude Code oder Cursor wechseln. Genau diese Lücke will Agent Merge schließen: indem Microsoft eine Funktion liefert, die die eigentliche Rechtfertigung für den Wechsel zu einem Zweitwerkzeug reduziert.

Wettbewerbsvergleich: Vier Ansätze, ein Ziel

Vergleicht man die vier großen Ansätze, zeigt sich, dass keiner davon den Pull-Request-Abschluss bislang so tief in den Editor integriert wie Microsoft mit Agent Merge. GitHub Copilot Workspace setzt auf mehrere spezialisierte Agenten, die aber primär auf der Feature-Erstellung ansetzen und den PR-Abschluss als nachgelagerten Schritt behandeln. JetBrains öffnet mit Rider 2026.2 die IDE-Intelligenz für externe Agenten, ohne selbst eine PR-Merge-Automatik anzukündigen. Amazon hatte im Lauf des Jahres eigene Kapazitäten bei Amazon Q Developer zugunsten der neuen Agentenplattform Kiro reduziert, was für bestehende Q-Developer-Nutzer zu spürbaren Einschränkungen bei den täglichen Anfragen führte.

Cursor wiederum konzentriert sich weiterhin auf die eigene Editor-Erfahrung mit Cloud-Agents, die laut eigenen Angaben bei Großkunden wie SpaceX deutlich beschleunigte Abläufe ermöglichen sollen, ohne dass ein direktes Pendant zu Agent Merge öffentlich dokumentiert wäre. Der eigentliche Unterschied liegt also nicht in der Frage, wer die leistungsfähigsten Modelle einsetzt, sondern wer den kompletten Lebenszyklus eines Codebeitrags, von der ersten Zeile bis zum Merge in den Hauptbranch, am konsequentesten in einem einzigen Werkzeug abbildet.

Historischer Kontext: Vom Autovervollständiger zum PR-Automaten

Die Entwicklung von GitHub Copilot lässt sich in klaren Etappen nachzeichnen. Der Start 2021 brachte Zeilen- und Funktionsvorschläge auf Basis von Codex. Es folgten Chat-Interfaces, mit denen Entwickler Fragen zum Code stellen konnten, dann autonome Agenten, die ganze Dateien oder Funktionen selbstständig umsetzten. Mit Copilot Workspace kam 2025 der Schritt zu mehreren koordinierten Agenten über ganze Repositories hinweg. Agent Merge markiert nun die nächste logische Stufe: die KI übernimmt nicht mehr nur das Schreiben von Code, sondern auch die soziale und organisatorische Seite der Softwareentwicklung, also das Verhandeln von Reviewkommentaren und das Auflösen von Konflikten zwischen parallelen Änderungen.

Dieser Weg vom Zeilenvorschlag zur eigenständigen Workflow-Steuerung erklärt auch, warum die Marktanteile so in Bewegung sind. Ein Werkzeug, das nur beim Schreiben hilft, konkurriert gegen ein Werkzeug, das den kompletten Prozess bis zum fertigen Merge abdeckt, was den Umstieg für Teams zunehmend attraktiver macht, selbst wenn dabei kurzfristig Vertrauen in bestehende Reviewprozesse aufgebaut werden muss.

Sicherheitsfragen: Was passiert, wenn Agenten selbst mergen?

Je mehr Entscheidungsmacht ein Agent über den Merge-Prozess erhält, desto größer wird die Angriffsfläche für Fehler, die unbemerkt in den Hauptbranch gelangen. Ein Agent, der Merge-Konflikte automatisch auflöst, muss dabei zwangsläufig Annahmen darüber treffen, welche der konkurrierenden Änderungen Vorrang hat, eine Entscheidung, die bei komplexer Businesslogik durchaus falsch ausfallen kann, ohne dass ein CI-Check das erkennt. Genau deshalb bleibt Agent Merge im Preview-Status: Microsoft sammelt gezielt Rückmeldungen aus der Praxis, bevor die Funktion breiter ausgerollt wird.

Für Teams mit strengen Compliance-Vorgaben, etwa im Finanz- oder Gesundheitssektor, dürfte die Funktion vorerst nur mit zusätzlichen Freigabeschritten infrage kommen. Ein sinnvoller Zwischenweg ist, Agent Merge zunächst nur auf Low-Risk-Repositories wie interne Tools oder Dokumentation zuzulassen und die Ergebnisse über mehrere Wochen zu beobachten, bevor produktionskritischer Code einbezogen wird.

Marktauswirkungen für Entwicklerteams in Österreich

Für heimische Softwarefirmen und IT-Abteilungen bedeutet diese Entwicklung vor allem eines: Die Entscheidung für ein Coding-Werkzeug wird zunehmend zu einer Entscheidung für einen kompletten Workflow, nicht mehr nur für einen Autovervollständiger. Wer heute auf GitHub als Plattform und VS Code als Editor setzt, bekommt Agent Merge quasi automatisch mitgeliefert, sobald die Funktion aus der Preview kommt. Teams, die stattdessen stark in JetBrains-IDEs investiert haben, etwa in der .NET- oder Java-Entwicklung, profitieren von der neuen Offenheit in Rider 2026.2, ohne den gewohnten Werkzeugkasten wechseln zu müssen.

Wirtschaftlich verschärft sich damit der Druck auf Anbieter, die weder eine eigene Cloud-Plattform noch eine etablierte IDE besitzen. Amazon Q Developer mit der Verlagerung auf Kiro ist dafür ein Beispiel: Ohne eine tief integrierte Editor- oder Plattformbindung wird es schwerer, mit Werkzeugen mitzuhalten, die den gesamten PR-Lebenszyklus abdecken. Für Einkaufsentscheidungen in österreichischen Unternehmen heißt das konkret, dass die Bewertung von KI-Coding-Werkzeugen künftig stärker Kriterien wie Repository-Integration, Governance-Optionen und Preview-Stabilität einbeziehen sollte, statt sich allein an Benchmark-Werten für Codequalität zu orientieren.

Prognosen: Wohin sich der Markt in den kommenden Monaten bewegt

Auf Basis der aktuellen Datenlage zeichnen sich mehrere Entwicklungen ab, die in den kommenden zwei bis drei Quartalen an Konturen gewinnen dürften.

  • Agent Merge dürfte innerhalb der nächsten zwei bis drei Releasezyklen den Preview-Status verlassen, sofern Microsoft dem üblichen Muster früherer Copilot-Funktionen folgt, die meist nach mehreren Feedback-Runden zum Standard werden.
  • OpenAI Codex wird seinen Wachstumskurs von 3 auf 16 Prozent kaum in diesem Tempo fortsetzen können, dürfte aber weiter Marktanteile von Copilot und Cursor abziehen, solange kein Gegenangebot mit vergleichbarer PR-Automatisierung existiert.
  • JetBrains wird die Öffnung von Rider für externe Agenten voraussichtlich auf weitere IDEs der Produktfamilie ausweiten, um die Position gegenüber VS Code als agentenfreundlichem Standardeditor zu verteidigen.
  • Die Konsolidierung bei kleineren Anbietern setzt sich fort. Werkzeuge ohne eigene Cloud-Infrastruktur oder IDE-Anbindung, wie sie sich bei Amazon Q Developer bereits zeigte, geraten weiter unter Druck.
  • Governance- und Freigabefunktionen für autonome Merges werden zu einem eigenen Verkaufsargument, weil Unternehmen mit Compliance-Pflichten nach NIS2 zunehmend nachvollziehbare Kontrollpunkte für automatisierte Code-Änderungen verlangen.

Was Entwicklerteams jetzt konkret tun sollten

Wer VS Code bereits produktiv einsetzt, sollte Agent Merge zunächst in einem klar abgegrenzten Test-Repository aktivieren und die Ergebnisse gegen die üblichen Reviewkriterien des Teams prüfen. Sinnvoll ist außerdem, die neue Chat-Session-Hierarchie zu nutzen, um Agentensitzungen mit offenen Rückfragen sichtbar zu halten, statt sie in einer langen, unstrukturierten Chatliste zu verlieren. Teams mit Multi-Repository-Setups profitieren am ehesten von den experimentellen Multi-Root-Workspace-Agenten, sollten aber wegen des frühen Reifegrads zunächst kleinere, risikoarme Änderungen testen, bevor größere Refactorings über mehrere Ordner hinweg automatisiert werden.

Für Teams, die stark in JetBrains-Werkzeuge investiert sind, lohnt sich ein Blick auf die neuen Agent Skills in Rider 2026.2, insbesondere für Profiling- und Testszenarien, bei denen die native IDE-Intelligenz einen Vorteil gegenüber generischen Editor-Agenten bringt. In beiden Fällen gilt: Die Entscheidung, wie viel Autonomie ein Agent beim Zusammenführen von Code erhält, sollte im Team dokumentiert und nicht stillschweigend der Standardkonfiguration überlassen werden.

Häufig gestellte Fragen zu VS Code 1.136 und Agent Merge

Was ist Agent Merge in VS Code 1.136 genau?

Agent Merge ist eine Preview-Funktion in Visual Studio Code 1.136, die Pull Requests automatisiert bis zur Merge-Reife bringt. Sie beantwortet Reviewkommentare, behebt fehlgeschlagene Checks und löst Merge-Konflikte, bis der PR ohne weitere Blockaden zusammengeführt werden kann.

Ist Agent Merge bereits für alle Nutzer verfügbar?

Die Funktion trägt offiziell den Status Preview. Sie ist Teil des regulären 1.136-Release vom 2. September 2026, wird aber laut Microsoft noch aktiv weiterentwickelt, bevor sie zum Standardwerkzeug für KI-gestützte Reviews und Merges wird.

Funktioniert Agent Merge auch mit Claude-Agenten oder nur mit Copilot?

Die Multi-Root-Workspace-Funktion in VS Code 1.136 nennt explizit Copilot- und Claude-Agentensitzungen als unterstützte Backends. Für Agent Merge im engeren Sinn liegt der Fokus laut den Release Notes auf der Copilot-Integration in GitHub selbst.

Was bedeutet der Rückgang von Copilots Marktanteil auf 21 Prozent?

Laut JetBrains-Forschungsblog fiel die Arbeitsplatz-Adoption von GitHub Copilot zwischen Jänner und Mai/Juli 2026 von 29 auf 21 Prozent, während OpenAI Codex im selben Zeitraum von 3 auf 16 Prozent zulegte. Das zeigt eine Verschiebung hin zu neueren, agentenzentrierten Werkzeugen, ohne dass Copilot seine Spitzenposition bei der reinen Nutzungsbreite verliert.

Wie unterscheidet sich Agent Merge von GitHub Copilot Workspace?

Copilot Workspace setzt mehrere spezialisierte Agenten für Implementierung, Tests und Dokumentation ein, die gemeinsam an einer Codebasis arbeiten. Agent Merge setzt einen Schritt später an und kümmert sich speziell um den Abschluss eines bereits erstellten Pull Requests, also um Reviewkommentare, Checks und Konflikte.

Was macht JetBrains mit Rider 2026.2 anders?

Rider 2026.2 öffnet die interne Projektintelligenz der IDE, etwa Testergebnisse und Profiling-Daten, für externe KI-Agenten und ergänzt dies um native Agent Skills sowie eine GitHub-Copilot-Integration. Anders als Agent Merge zielt das nicht primär auf die PR-Automatisierung, sondern auf tiefere Kontextinformationen für Agenten innerhalb der IDE.

Ist es sicher, Pull Requests von einer KI mergen zu lassen?

Der Preview-Status von Agent Merge signalisiert, dass Microsoft selbst noch nicht von einer produktionsreifen Lösung für alle Anwendungsfälle ausgeht. Für sicherheitskritischen oder stark regulierten Code empfiehlt sich vorerst ein zusätzlicher manueller Freigabeschritt, bevor ein vom Agenten aufgelöster Merge tatsächlich in den Hauptbranch übernommen wird.

Wann kommt Agent Merge aus der Preview-Phase?

Microsoft hat kein offizielles Datum für den Stable-Status genannt. Frühere Copilot-Funktionen, etwa Copilot Workspace, benötigten teils mehr als ein Jahr Preview-Zeit, bevor sie die allgemeine Verfügbarkeit erreichten, was einen ähnlichen Zeitrahmen für Agent Merge nahelegt.