Ein Vergleich ohne einen einzigen Cent Schadenersatz: Epic Games hat seinen Rechtsstreit gegen den berüchtigten Fortnite-Leaker AdiraFN beigelegt – und verzichtet dabei komplett auf die ursprünglich geforderte Geldstrafe. Anfang Juli 2026 einigten sich Epic Games und der ehemalige Contractor Hayden Cohen auf eine dauerhafte Unterlassungsverfügung. Finanzielle Ansprüche, die Epic in der Klageschrift noch ausdrücklich gefordert hatte, tauchen im Vergleich nicht mehr auf. Für die Gaming-Branche ist der Fall ein Lehrstück darüber, wie Studios heute gegen Insider-Leaks vorgehen – und wo die Grenzen des US-Geschäftsgeheimnisrechts liegen.

Der Fall zeigt exemplarisch ein Muster, das in der Spielebranche immer häufiger auftritt: Nicht anonyme Hacker, sondern bezahlte Mitarbeiter oder Vertragspartner mit legitimem Zugang sind die Quelle empfindlicher Leaks. Für deutsche und europäische Studios ist der Fall deshalb mehr als eine US-Randnotiz – er zeigt, welche rechtlichen Mittel greifen, wenn Insider vertrauliche Informationen weitergeben, und wie sich das mit dem deutschen Geschäftsgeheimnisgesetz vergleichen lässt.

Epic Games gegen AdiraFN: Der Streit ist vorbei

Am 5. März 2026 reichte Epic Games beim U.S. District Court für den Eastern District of North Carolina Klage gegen einen ehemaligen externen Mitarbeiter ein. Der Vorwurf: systematischer Verrat von Geschäftsgeheimnissen und Bruch einer Verschwiegenheitsvereinbarung (NDA). Hinter dem Klarnamen Hayden Cohen identifizierte Epic den Fortnite-Leaker, der unter den Pseudonymen AdiraFN und AdiraFNInfo auf X und Discord monatelang unangekündigte Inhalte veröffentlicht hatte, laut übereinstimmenden Berichten von PC Gamer und Military.com.

In der ersten Juliwoche 2026 wurde bekannt: Beide Seiten haben sich außergerichtlich geeinigt. Cohen akzeptiert eine dauerhafte, gerichtlich zu bestätigende Unterlassungsverfügung – eine Verhandlung findet nicht mehr statt. Was fehlt, ist auffällig: Der Vergleich enthält keinerlei offengelegte Zahlung an Epic Games, obwohl das Unternehmen in der ursprünglichen Klage ausdrücklich Schadenersatz, entgangene Gewinne und Anwaltskosten gefordert hatte.

Wer ist Hayden Cohen alias AdiraFN?

Cohen war kein externer Hacker, sondern ein bezahlter Associate Producer, der über eine Drittanbieter-Agentur als Contractor für Epic Games arbeitete. Genau dieser interne Zugang – zu Testservern, internen Dokumenten und Planungsunterlagen – unterscheidet den Fall von klassischen Datamining-Leaks, bei denen findige Spieler unverschlüsselte Spieldateien durchsuchen. Cohen musste nichts “entdecken”: Er hatte legitimen Zugriff und gab die Informationen gezielt weiter.

Nach übereinstimmenden Rechercheergebnissen mehrerer deutschsprachiger Fachmedien, darunter WinFuture, ging es Cohen dabei primär um Reichweite und Ansehen in der Leaker-Szene – nicht um finanzielle Bereicherung durch den Weiterverkauf der Informationen. Diese Motivlage ist in der Leaker-Community keine Ausnahme: Aufmerksamkeit und Status durch frühzeitige “Scoops” sind oft wertvoller als Geld, was die Abschreckungswirkung rein finanzieller Klagen zusätzlich infrage stellt.

Die Timeline: Vom NDA zum Vergleich

Zwischen Vertragsunterschrift und gerichtlicher Einigung liegen knapp zehn Monate. Die folgende Tabelle fasst die wichtigsten Stationen des Falls zusammen:

DatumEreignis
11. September 2025Cohen unterschreibt NDA als externer Contractor (Associate Producer) bei Epic Games
Januar 2026Erste Leaks unangekündigter Fortnite-Kollaborationen auf X und Discord
Februar 2026Epic verschickt Unterlassungsaufforderung; AdiraFNs X-Konto verschwindet kurz danach
5. März 2026Epic reicht Klage ein (U.S. District Court, Eastern District of North Carolina)
Erste Juliwoche 2026Vergleich bekannt gegeben: dauerhafte Unterlassungsverfügung, kein offengelegter Schadenersatz
2026 (offen)Gerichtliche Bestätigung des Vergleichs durch den zuständigen Richter noch ausstehend

Was Cohen leakte: Die Fortnite-Kollaborationen

Besonders brisant für Epic Games: Viele der geleakten Inhalte betrafen nicht interne Spielmechaniken, sondern Marken-Kollaborationen mit Drittpartnern – ein Geschäftsfeld, in dem Vertraulichkeit vertraglich zwischen Epic und den jeweiligen Lizenzgebern abgesichert ist. Über mehrere unabhängige Quellen hinweg (PC Gamer, WinFuture, escene.de, VGTimes) lässt sich folgende Liste bestätigter Leaks zusammenstellen:

  • Minecraft
  • South Park – geleakt nur zwei Tage vor der offiziellen Ankündigung
  • Ben 10
  • Game of Thrones
  • Overwatch
  • Kingdom Hearts
  • Solo Leveling – über einen Monat vor dem geplanten Reveal
  • He-Man and the Masters of the Universe

Einzelne Quellen nennen zusätzlich Sonic the Hedgehog und K-Pop Demon Hunters als weitere betroffene Kollaborationen. Für Epic Games bedeutet jeder vorzeitige Leak nicht nur einen verpufften Marketing-Moment, sondern auch potenziellen Vertrauensverlust bei den Partnerstudios und Rechteinhabern, die auf koordinierte Enthüllungstermine angewiesen sind.

Die Rechtsgrundlage: DTSA, NDA-Bruch und unlauterer Wettbewerb

Epic stützte seine Klage auf ein Bündel US-amerikanischer Rechtsgrundlagen: den bundesweiten Defend Trade Secrets Act (DTSA), den North Carolina Trade Secrets Protection Act, den Bruch der unterschriebenen NDA sowie unlauteren Wettbewerb. Diese Kombination ist im US-Recht bei Insider-Leaks der Standardweg, weil sie sowohl bundesrechtliche als auch bundesstaatliche Ansprüche gleichzeitig sichert.

Was regelt der Defend Trade Secrets Act?

Der DTSA von 2016 erlaubt es Unternehmen in den USA erstmals, Ansprüche wegen Geschäftsgeheimnisverrats direkt vor Bundesgerichten geltend zu machen, statt ausschließlich auf uneinheitliches Landesrecht angewiesen zu sein. Voraussetzung ist ein Dreiklang: Die Information muss tatsächlich geheim sein, sie muss einen wirtschaftlichen Wert gerade aus dieser Geheimhaltung ziehen, und der Inhaber muss angemessene Schutzmaßnahmen ergriffen haben – etwa eine unterschriebene NDA, wie im Fall Cohen. Bei Fortnite-Kollaborationen ist dieser wirtschaftliche Wert leicht zu begründen: Überraschungseffekt und koordinierte Marketing-Kampagnen sind ein zentraler Teil des Geschäftsmodells.

Der Vergleich im Detail: Unterlassung statt Schadenersatz

Der zwischen Epic Games und Cohen ausgehandelte Vergleich ist inhaltlich schmal, aber weitreichend in seiner Wirkung: Cohen ist dauerhaft untersagt, vertrauliche oder als Geschäftsgeheimnis geschützte Informationen von Epic zu besitzen, abzurufen, zu nutzen oder weiterzugeben – auch nicht indirekt, indem er anderen dabei hilft. Zusätzlich muss er sämtliche noch vorhandenen vertraulichen Unterlagen zurückgeben oder vernichten. Eine Gerichtsverhandlung entfällt komplett.

Zur Einordnung, wie sich ein solcher Fall auf dem Papier zusammenfassen lässt, hier eine illustrative Übersicht der zentralen Vergleichsparameter (keine offizielle Gerichtsakte, nur eine journalistische Zusammenfassung der öffentlich berichteten Eckpunkte):

{
  "fall": "Epic Games, Inc. v. Hayden Cohen",
  "gericht": "U.S. District Court, Eastern District of North Carolina",
  "eingereicht": "2026-03-05",
  "rechtsgrundlagen": [
    "Defend Trade Secrets Act (18 U.S.C. Section 1836)",
    "North Carolina Trade Secrets Protection Act",
    "Vertragsbruch (NDA)",
    "Unlauterer Wettbewerb"
  ],
  "vergleich_juli_2026": {
    "schadenersatz_usd": 0,
    "dauerhafte_unterlassungsverfuegung": true,
    "rueckgabe_vertraulicher_unterlagen": true,
    "gerichtsverhandlung_stattgefunden": false,
    "richterliche_bestaetigung": "ausstehend"
  }
}
// Illustrative Zusammenfassung oeffentlich berichteter Eckpunkte, keine offizielle Gerichtsakte

Warum Epic auf Schadenersatz verzichtete: Eine Analyse

Auf den ersten Blick wirkt ein Vergleich ohne Zahlung wie ein halber Sieg. Bei genauerer Betrachtung ergibt die Strategie jedoch Sinn. Schadenersatzforderungen bei Geschäftsgeheimnisverrat erfordern in der Regel den Nachweis eines konkreten, bezifferbaren wirtschaftlichen Schadens – ein Verfahren, das aufwendig, öffentlichkeitswirksam und in seinem Ausgang unsicher ist. Cohen selbst dürfte zudem als Privatperson kaum in der Lage sein, eine siebenstellige Forderung zu begleichen, was eine vollstreckbare Geldstrafe ohnehin zur symbolischen Geste degradiert hätte.

Die dauerhafte Unterlassungsverfügung erreicht dagegen das eigentliche Ziel schneller und rechtssicherer: Sie verbietet Cohen nicht nur weitere Leaks, sondern auch jede Unterstützung Dritter dabei – und ist bei Verstoß mit dem scharfen Schwert der Missachtung des Gerichts (Contempt of Court) bewehrt, was im US-Recht deutlich unmittelbarere Konsequenzen als eine zivilrechtliche Nachforderung nach sich ziehen kann. Für Epic war die schnelle, rechtssichere Beendigung der Leak-Quelle offenbar wichtiger als ein jahrelanger Streit um eine Schadenssumme, die am Ende ohnehin kaum eintreibbar gewesen wäre.

Die Reaktion von Epic Games

Epic Games äußerte sich über eine Unternehmenssprecherin zu dem Fall. Laut übereinstimmenden Berichten bestätigte Natalie Munoz, laut Berichten Director of Corporate Communications bei Epic Games, dass das Unternehmen das Gericht gebeten habe, die vereinbarte Unterlassungsverfügung zu bestätigen, kommentierte darüber hinaus aber keine weiteren Details des Vergleichs – so berichten es sowohl Military.com als auch PCGamesN. Diese Zurückhaltung ist bei laufenden bzw. noch nicht richterlich bestätigten Vergleichen in den USA üblich.

Bemerkenswert ist zudem, dass Epic laut TheGamer öffentlich betonte, dass einige der von Cohen enthüllten Kollaborationen – etwa Kingdom Hearts – bis heute nicht in Fortnite erschienen sind. Das unterstreicht den eigentlichen Schaden aus Sicht des Unternehmens: nicht der Leak einzelner Fakten, sondern die Zerstörung der Planungshoheit über den eigenen Ankündigungskalender.

Deutschland im Vergleich: Das Geschäftsgeheimnisgesetz

Für deutsche und DACH-Studios stellt sich unweigerlich die Frage: Wie würde ein vergleichbarer Fall hierzulande verlaufen? Die Antwort liegt im Gesetz zum Schutz von Geschäftsgeheimnissen (GeschGehG), das seit 2019 in Kraft ist und die EU-Richtlinie 2016/943 in deutsches Recht umsetzt – im Volltext einsehbar auf gesetze-im-internet.de.

So würde der Fall in Deutschland verlaufen

Das GeschGehG definiert ein Geschäftsgeheimnis fast identisch zum DTSA: Es muss geheim sein, einen wirtschaftlichen Wert gerade aus der Geheimhaltung ziehen und Gegenstand angemessener Geheimhaltungsmaßnahmen sein – eine unterschriebene NDA würde auch nach deutschem Recht als ein solches Indiz gelten. Ein deutsches Studio hätte bei einem identischen Sachverhalt zwei zentrale Ansprüche zur Verfügung: einen Unterlassungsanspruch nach § 6 GeschGehG, der exakt der US-amerikanischen Unterlassungsverfügung entspricht, sowie einen Schadenersatzanspruch nach § 10 GeschGehG bei vorsätzlicher oder fahrlässiger Verletzung.

Der entscheidende Unterschied liegt weniger im materiellen Recht als im Prozessrecht: Deutsche Zivilgerichte verhandeln solche Fälle in der Regel schneller und mit geringeren Verfahrenskosten als US-Bundesgerichte, kennen aber auch keine dem Contempt-of-Court-Mechanismus vergleichbar scharfe, unmittelbare Sanktion bei Verstößen gegen eine einstweilige Verfügung – hier greifen stattdessen Ordnungsgeld oder Ordnungshaft nach § 890 ZPO, die gerichtlich im Einzelfall festgesetzt werden müssen.

Historischer Kontext: Epic als prozessfreudiger Kläger

Der Fall Cohen reiht sich in eine längere Geschichte ein, in der Epic Games juristisch besonders aggressiv auftritt, sobald es um Kontrolle über die eigene Plattform oder geistiges Eigentum geht. Bekanntestes Beispiel bleibt Epic Games v. Apple, der 2020 initiierte Kartellrechtsstreit um die Provisionsstruktur des App Store, der bis heute Auswirkungen auf die App-Store-Richtlinien weltweit hat. Dieselbe Konsequenz zeigt Epic nun im deutlich kleineren, aber juristisch nicht minder klaren Fall eines einzelnen Leakers.

Die Parallele ist aufschlussreich: In beiden Fällen ging es Epic nicht primär um Geld, sondern um Kontrolle – im Fall Apple über die eigene Vertriebsplattform, im Fall Cohen über die eigene Kommunikationshoheit gegenüber Spielern und Partnern. Diese Konsequenz dürfte auch beim aktuellen Rechtsstreit zwischen Epic Games und Steam um Provisionsmodelle und Marktanteile eine Rolle spielen, wo Epic ebenfalls kompromisslos auftritt.

Vergleichsfall: Rockstar Games gegen den GTA-VI-Hacker

Ein direkter Vergleich drängt sich zum bekanntesten Leak-Fall der Branche auf: dem GTA-6-Hack von 2022, bei dem der damals jugendliche Arion Kurtaj als Teil der Hackergruppe Lapsus$ rund 90 Clips sowie Teile des Quellcodes von GTA VI veröffentlichte. Anders als Cohen war Kurtaj kein Vertragspartner mit legitimem Zugang, sondern drang extern in Rockstars Systeme ein – ein zusätzlicher Insider-Fall bei einem anderen Branchenriesen war 2026 zudem der ShinyHunters-Datenleck bei Rockstar, bei dem 78,6 Millionen Datensätze erbeutet wurden.

Kurtaj wurde im Dezember 2023 wegen einer Autismus-Diagnose für verhandlungsunfähig erklärt und auf unbestimmte Zeit in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Mitte Juli 2026 verlegten britische Behörden ihn in ein reguläres Gefängnis – laut Game Rant, nachdem er Berichten zufolge ein Mobiltelefon in seine Zelle geschmuggelt und in sozialen Medien mit seinen dortigen Haftbedingungen geprahlt haben soll. Ein Wiederaufnahmeverfahren ist für November 2026 angesetzt – im selben Monat, in dem GTA VI weltweit erscheinen soll.

MerkmalEpic Games vs. Cohen (AdiraFN)Rockstar vs. Kurtaj (Lapsus$)
TätertypInterner Contractor mit legitimem ZugangExterner Hacker ohne Zugangsberechtigung
RechtswegZivilrechtlich (DTSA, NDA-Bruch)Strafrechtlich (Verurteilung in Großbritannien)
SanktionDauerhafte Unterlassungsverfügung, 0 $ SchadenersatzUnterbringung in psychiatrischer Klinik, jetzt Gefängnis vor Wiederaufnahmeverfahren
Status Mitte 2026Vergleich erzielt, richterliche Bestätigung ausstehendWiederaufnahmeverfahren im November 2026 angesetzt

Die Kosten von Insider-Bedrohungen: Was die Branche zahlt

Der Fall Cohen ist kein Einzelfall, sondern Symptom eines branchenübergreifenden Problems. Der aktuelle Cost of Insider Risks Report des Ponemon Institute, inzwischen die siebte Auflage der Studie, untersuchte 354 Organisationen weltweit (2018 waren es noch 156) und wertete 7.490 einzelne Insider-Vorfälle aus dem Jahr 2025 aus – mehr als doppelt so viele wie die 3.269 Vorfälle der ersten Erhebung 2018.

VorfalltypKosten pro Vorfall (2025)Ø Vorfälle pro Organisation/Jahr
Fahrlässige Insider747.107 $13,8
Vorsätzliche/böswillige Insider742.125 $6,3
Diebstahl von Zugangsdaten842.462 $ (von 779.707 $ in 2024)5,3

Besonders relevant für den Fall Cohen: Die Eindämmungszeit – also wie schnell ein Unternehmen einen laufenden Insider-Vorfall stoppt – sank laut Ponemon 2025 im Schnitt auf 67 Tage, nach 81 Tagen im Vorjahr. Der Unterschied schlägt sich direkt in den Kosten nieder: Vorfälle, die innerhalb von 30 Tagen eingedämmt werden, kosten Organisationen im Schnitt 14,2 Millionen Dollar Gesamtjahreskosten, bei einer Eindämmung nach mehr als 90 Tagen steigt dieser Wert auf 21,9 Millionen Dollar. Nur 13 Prozent aller Vorfälle werden überhaupt innerhalb von 30 Tagen gestoppt – Epic Games’ Reaktionszeit von wenigen Wochen zwischen ersten Leaks und Unterlassungsaufforderung liegt damit im schnelleren Bereich der Branche.

Marktauswirkungen: Was bedeutet das für die Gaming-Branche?

Für die Gaming-Branche als Ganzes sendet der Vergleich mit dem Fortnite-Leaker ein zweischneidiges Signal. Einerseits zeigt Epic Games, dass es rechtlich konsequent gegen Insider-Leaker vorgeht und dabei auch bei externen Contractors nicht zögert. Andererseits macht der Verzicht auf jeglichen offengelegten Schadenersatz deutlich, wie schwierig es bleibt, aus einem Leak-Fall tatsächlich Geld herauszuholen – selbst wenn das Unternehmen den Rechtsstreit im Kern gewinnt.

Für das Fortnite-Ökosystem speziell ist die Sache heikel: Markenkollaborationen sind längst ein eigenständiger wirtschaftlicher Faktor, bei dem koordinierte Enthüllungen einen erheblichen Marketingwert besitzen. Jeder vorzeitige Leak verwässert diesen Wert – nicht nur für Epic, sondern auch für die Partnerstudios, die ihre eigenen Ankündigungskalender danach ausrichten. Ähnlich wie bei der Atlas-Menu-Sicherheitslücke, bei der über 60.000 Konten kompromittiert wurden, zeigt sich: Vertrauen in die Sicherheit der eigenen Infrastruktur und Partnerbeziehungen wird für Live-Service-Spiele zunehmend geschäftskritisch.

Prognosen: Wie es mit Leaker-Klagen weitergeht

Auf Basis der aktuellen Fakten lassen sich mehrere Entwicklungen für die kommenden Monate absehen:

  • Mehr Klagen gegen Insider statt gegen externe Hacker: Da Contractor- und Agenturmodelle in der Spieleentwicklung zunehmen, dürfte die Zahl der NDA-basierten Klagen gegen ehemalige Mitarbeiter und Fortnite-Leaker weiter steigen.
  • Strengere Verträge mit Drittanbieter-Agenturen: Studios wie Epic werden ihre Zugriffsrechte für externe Contractors voraussichtlich weiter einschränken und Vertragsstrafen-Klauseln nachschärfen.
  • Debatte über die Abschreckungswirkung von 0-Dollar-Vergleichen: Kritiker dürften anführen, dass eine reine Unterlassungsverfügung ohne finanzielle Konsequenz andere leak-willige Insider kaum abschreckt.
  • DACH-Studios als mögliche Nachahmer: Größere deutsche und europäische Entwicklerstudios könnten den Fall als Blaupause nutzen, um eigene GeschGehG-Ansprüche gegen Insider durchzusetzen, statt ausschließlich auf arbeitsrechtliche Konsequenzen zu setzen.
  • Cohen bleibt unter Beobachtung: Ein Verstoß gegen die Unterlassungsverfügung würde in den USA eine Missachtung des Gerichts darstellen – mit potenziell deutlich härteren Konsequenzen als der ursprüngliche Zivilprozess.

Häufig gestellte Fragen

Wer ist AdiraFN?
AdiraFN ist das Pseudonym des Fortnite-Leakers Hayden Cohen, eines ehemaligen externen Contractors bei Epic Games, der als Associate Producer Zugang zu vertraulichen Fortnite-Inhalten hatte und diese über X und Discord leakte.

Wie viel Schadenersatz muss Hayden Cohen zahlen?
Nach aktuellem Stand des Vergleichs: keinen offengelegten Betrag. Der Vergleich sieht ausschließlich eine dauerhafte Unterlassungsverfügung sowie die Rückgabe beziehungsweise Vernichtung vertraulicher Unterlagen vor.

Was passiert, wenn Cohen gegen die Unterlassungsverfügung verstößt?
Ein Verstoß würde in den USA als Missachtung des Gerichts (Contempt of Court) gewertet – ein Verfahren mit potenziell deutlich schärferen und unmittelbareren Konsequenzen als eine zivilrechtliche Nachforderung.

Welche Fortnite-Kollaborationen wurden geleakt?
Bestätigt sind unter anderem Minecraft, South Park, Ben 10, Game of Thrones, Overwatch, Kingdom Hearts, Solo Leveling und He-Man and the Masters of the Universe.

Ist der Vergleich bereits rechtskräftig?
Nein. Der Vergleich muss noch von einem Richter am U.S. District Court für den Eastern District of North Carolina formell bestätigt werden, bevor er endgültig in Kraft tritt.

Wie unterscheidet sich der Fall vom GTA-VI-Hacker Kurtaj?
Kurtaj drang extern und unbefugt in Rockstars Systeme ein und wurde strafrechtlich in Großbritannien verfolgt. Cohen dagegen hatte legitimen internen Zugang als Vertragspartner und wird ausschließlich zivilrechtlich in den USA belangt.

Welche Gesetze schützen Geschäftsgeheimnisse in Deutschland?
Das Geschäftsgeheimnisgesetz (GeschGehG) von 2019 setzt die EU-Richtlinie 2016/943 um und regelt sowohl Unterlassungsansprüche (§ 6) als auch Schadenersatzansprüche (§ 10) bei Verrat von Geschäftsgeheimnissen – strukturell sehr ähnlich zum US-amerikanischen Defend Trade Secrets Act.

Warum verzichtet Epic Games auf Schadenersatz?
Ein bezifferbarer Schaden ist bei Leak-Fällen juristisch schwer nachzuweisen, und eine Privatperson wie Cohen könnte eine hohe Forderung ohnehin kaum begleichen. Die schnelle, rechtssichere Unterlassungsverfügung erreicht das eigentliche Ziel – das Ende weiterer Leaks – zuverlässiger als ein langwieriger Streit um eine Schadenssumme.

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