Europol hat am 7. Oktober 2026 zwei Berichte veröffentlicht, die in der EU für Aufsehen sorgen. Die Kernaussage: Quantencomputer werden klassische Verschlüsselung irgendwann brechen, und Angreifer sammeln schon heute verschlüsselte Daten, um sie später zu entschlüsseln. Gleichzeitig verlangt die Europäische Kommission von allen Mitgliedstaaten, bis Ende 2026 mit der Umstellung auf post-quanten-sichere Kryptografie zu beginnen. Für Österreich, wo mit dem Projekt QCI-CAT bereits ein eigenes Testnetz zwischen Wien und Graz läuft, ist das Thema längst keine akademische Übung mehr.

Die Post-Quanten-Kryptografie steht damit an einem Wendepunkt zwischen Forschung und Pflichtprogramm. Was vor zwei Jahren noch ein Thema für Kryptografen war, ist 2026 zu einer Frage für CISOs, Bundesbehörden und Blockchain-Betreiber geworden. Dieser Artikel ordnet die aktuellen Entwicklungen ein, vergleicht die Fristen weltweit und zeigt, was in Österreich und der EU jetzt konkret ansteht.

Was ist Post-Quanten-Kryptografie und warum die Eile?

Post-Quanten-Kryptografie (PQC) bezeichnet Verschlüsselungs- und Signaturverfahren, die auch dann sicher bleiben, wenn ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer existiert. Heute übliche Verfahren wie RSA oder elliptische Kurven (ECC) beruhen auf mathematischen Problemen, die klassische Computer praktisch nicht lösen können. Ein Quantencomputer mit genügend stabilen Qubits würde genau diese Probleme mit dem sogenannten Shor-Algorithmus in überschaubarer Zeit knacken. Noch gibt es keine Maschine, die das in der Praxis leisten kann. Genau das ist aber nicht der Punkt, den Europol und die EU-Kommission 2026 in den Vordergrund rücken.

Harvest Now, Decrypt Later einfach erklärt

Der eigentliche Treiber hinter der Eile heißt “Harvest Now, Decrypt Later”. Die Europäische Kommission beschreibt das Risiko so: “Store-now-decrypt-later”-Angriffe laufen wahrscheinlich schon heute. Böswillige Akteure speichern Datenverkehr bereits jetzt, um ihn später zu entschlüsseln, sobald ein Quantencomputer verfügbar ist, heißt es auf der Policy-Seite der Kommission zur Post-Quanten-Kryptografie. Mit anderen Worten: Wer heute verschlüsselte Gesundheitsdaten, Verträge oder Quellcode-Repositories abgreift und speichert, kann sie in zehn oder fünfzehn Jahren öffnen, sobald die Rechenleistung reicht. Für Daten, die lange vertraulich bleiben müssen, etwa Patientenakten, Staatsgeheimnisse oder langfristige Verträge, ist das Zeitfenster zum Handeln schon jetzt offen.

Diese Logik erklärt, warum Behörden nicht erst beim Bau des ersten kryptografisch relevanten Quantencomputers reagieren wollen, sondern Jahre vorher. Migration von Infrastruktur, Protokollen und Zertifikaten dauert typischerweise selbst mehrere Jahre, bei großen Organisationen oft länger.

Europols Doppelschlag vom 7. Oktober 2026

Am 7. Oktober 2026 veröffentlichte Europol zwei Berichte zur Post-Quanten-Bedrohung. Beide drehen sich um dieselbe Grundfrage, nähern sich ihr aber aus unterschiedlichen Richtungen. Der erste Bericht untersucht, wie Quantencomputing langfristig die Kryptografie aushöhlen könnte, die heute Kryptowährungs-Wallets und digitale Vermögenswerte schützt. Der zweite, mit dem programmatischen Titel “Harvest Now, Decrypt Later”, befasst sich mit Angreifern, die schon jetzt verschlüsselte Informationen sammeln, in der Erwartung, sie später zu entschlüsseln, sobald leistungsfähigere Quantencomputer verfügbar sind.

Europol selbst fasst die Bedrohung so zusammen: das Risiko von “Harvest-now, decrypt-later”-Angriffen, bei denen Angreifer schon heute verschlüsselten Datenverkehr sammeln, um ihn zu entschlüsseln, sobald Quantenfähigkeiten verfügbar sind, wie es im Europol-Bericht zur Post-Quanten-Kryptografie heißt. Die Behörde empfiehlt keinen Alleingang nach dem Prinzip “warten und hoffen”, sondern einen gestuften Übergang: Systeme identifizieren, die Kryptografie nutzen, Werte mit langem Vertraulichkeitsbedarf priorisieren, veraltete Sicherheitsprotokolle entfernen, unnötige Datenspeicherung reduzieren und die Flexibilität im Schlüsselmanagement stärken.

Konkret rät Europol, auf TLS 1.3 und SSH2 umzusteigen, veraltete Protokolle zu deaktivieren und Forward Secrecy konsequent durchzusetzen, um die Angriffsfläche für Harvest-Now-Decrypt-Later-Szenarien zu verkleinern. Für Blockchain-Projekte empfiehlt die Behörde zusätzlich, PQC-Algorithmen direkt in die Kernprotokolle zu integrieren und sich dafür mit Wallet-Anbietern abzustimmen, berichtet postquantum.com unter Berufung auf die Europol-Analyse.

Brüssels Fahrplan: Frist 2026, Zielmarke 2030

Parallel zu Europol hat die Europäische Kommission ihren eigenen Fahrplan nachgeschärft. Auf der Policy-Seite zur Post-Quanten-Kryptografie formuliert die Kommission die Erwartung klar: Alle Mitgliedstaaten sollten mit der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie bis Ende 2026 beginnen. Für Anwendungsfälle mit besonders hohem Risiko, etwa kritische Infrastruktur oder Systeme mit langlebigen Geheimnissen, setzt Brüssel das Jahr 2030 als späteste Zielmarke für den vollständigen Umstieg.

Das klingt nach viel Zeit, ist es für große Organisationen aber oft nicht. Zertifikatsketten, Hardware-Sicherheitsmodule, eingebettete Geräte in der Industrie und Altsysteme in Behörden lassen sich nicht über Nacht austauschen. Wer heute mit der Bestandsaufnahme beginnt, also mit der Frage, wo im eigenen Netzwerk überhaupt noch klassische RSA- oder ECC-Verschlüsselung läuft, verschafft sich bis 2030 einen realistischen Zeitplan. Wer erst 2029 anfängt, wird es kaum mehr schaffen.

Auch die USA bewegen sich auf einer ähnlichen, aber unabhängigen Zeitachse. Das US-Spending-Watchdog GAO (Government Accountability Office) veröffentlichte in der Woche ab dem 5. Oktober 2026 zusammen mit Europol parallele Warnungen, wonach Organisationen ihre PQC-Migration beschleunigen müssten, berichtet Infosecurity Magazine. Das US National Institute of Standards and Technology (NIST) hatte schon am 13. August 2024 seine ersten drei finalen PQC-Standards veröffentlicht, mit einer behördlichen Umsetzungsfrist im August 2025.

Globaler Zeitplan im Vergleich

Die folgende Übersicht fasst die wichtigsten bekannten Meilensteine und Fristen zusammen, wie sie aus den aktuellen Dokumenten von EU-Kommission, Europol, NIST und IETF hervorgehen.

AkteurMeilensteinTermin
NIST / USAVeröffentlichung der finalen Standards FIPS 203, 204, 20513. August 2024
NIST / USABehördliche Umsetzungsfrist für die neuen StandardsAugust 2025
IETF126. Meeting in Wien, ausgerichtet von Cisco18.–24. Juli 2026
Europäische KommissionStart der PQC-Transition in allen MitgliedstaatenEnde 2026
IETFStart der neuen Arbeitsgruppe für Post-Quanten-Verschlüsselung2. Oktober 2026
EuropolVeröffentlichung der zwei Quantenrisiko-Berichte7. Oktober 2026
IAB (Internet Architecture Board)Workshop in Prag zu PQC-Rollout-Erfahrungen11.–12. Oktober 2026
Quantum Alliance (9 Blockchain-Organisationen)Start der Initiative für PQC-Standards im Blockchain-Bereich15. Oktober 2026
Europäische KommissionVollständige Umstellung bei Hochrisiko-Anwendungsfällen2030

Marktauswirkungen für Unternehmen und Behörden

Für Unternehmen bedeutet die EU-Frist zunächst vor allem eines: Inventur. Wer nicht weiß, wo im eigenen Stack RSA, DH oder ECC verwendet werden, kann auch nicht migrieren. Große Cloud-Anbieter und Browser-Hersteller haben hier einen Vorsprung, weil sie zentrale Kontrollpunkte besitzen, etwa den TLS-Stack eines Browsers oder die Schlüsselverwaltung einer Cloud-Plattform. Mittelständische Unternehmen mit gewachsener IT-Landschaft, eingebetteten Geräten und Drittanbieter-Software haben es deutlich schwerer, weil Abhängigkeiten von Zulieferern oft nicht dokumentiert sind.

Besonders betroffen sind Branchen mit langlebigen Geheimnissen: Gesundheitswesen, Finanzsektor, Energieversorger und öffentliche Verwaltung. Ein Krankenhaus, das heute Patientendaten verschlüsselt, muss davon ausgehen, dass diese Daten in zwanzig Jahren noch schützenswert sind. Das verschärft den Druck, schon jetzt auf hybride Verfahren umzusteigen, die klassische und post-quanten-sichere Algorithmen kombinieren, statt auf den großen Umschalttag zu warten.

Für den Blockchain- und Krypto-Sektor hat Europol eine zusätzliche Warnung ausgesprochen: Signaturschlüssel von Wallets, die seit Jahren offen auf der Blockchain sichtbar sind, zählen zu den am stärksten exponierten Zielen für Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffe. Wer heute eine Adresse mit öffentlichem Schlüssel nutzt, legt diesen Schlüssel dauerhaft offen, lange bevor ein Quantencomputer ihn tatsächlich brechen könnte. Das erklärt, warum ausgerechnet aus der Blockchain-Branche 2026 eine eigene Standardisierungsinitiative entstanden ist, dazu später mehr.

Für den IT-Dienstleistungsmarkt bedeutet die Frist zusätzliches Geschäft: Beratungshäuser, Hersteller von Hardware-Sicherheitsmodulen und Anbieter von Krypto-Inventarisierungs-Tools positionieren sich 2026 verstärkt rund um PQC-Readiness-Audits. Wer als Unternehmen jetzt noch keinen Fahrplan hat, wird in den kommenden zwei bis drei Jahren voraussichtlich auf eine wachsende Zahl spezialisierter Dienstleister zurückgreifen müssen, einfach weil die Nachfrage das interne Fachwissen vielerorts übersteigt.

Wien, IETF und der Stand der Technik

Dass Österreich beim Thema Post-Quanten-Kryptografie 2026 mehr als nur Zuschauer ist, zeigt sich schon am Kalender. Das 126. Treffen der Internet Engineering Task Force (IETF) fand vom 18. bis 24. Juli 2026 im Hilton Vienna Park statt, ausgerichtet von Cisco. Bei diesem Treffen wurde deutlich, wie weit die technische Standardisierung inzwischen fortgeschritten ist: Der Austausch von Post-Quanten-Schlüsseln (Key Establishment) hat sich von der reinen Standardarbeit bereits in die praktische Einführung verschoben. Die Post-Quanten-Authentifizierung, also digitale Signaturen, hinkt laut IETF dagegen noch deutlich hinterher.

Am 2. Oktober 2026 kündigte die IETF offiziell eine neue Arbeitsgruppe speziell für Post-Quanten-Verschlüsselung an, wie die Organisation in ihrem eigenen Blog bekannt gab. Wenige Tage später, am 11. und 12. Oktober 2026, folgte ein Workshop des Internet Architecture Board (IAB) in Prag, der gezielt Praxiserfahrungen aus bereits laufenden PQC-Rollouts mit der laufenden Protokoll- und Standardisierungsarbeit verknüpfen sollte. Die Häufung von Terminen in Wien und Prag innerhalb weniger Monate zeigt, wie stark sich die technische Diskussion 2026 in Mitteleuropa verdichtet hat.

Österreichs Testfeld: QCI-CAT zwischen Wien und Graz

Österreich selbst betreibt mit dem Projekt QCI-CAT (Quantum Communication Infrastructure – Cryptography Austrian Testbed) ein eigenes Testfeld für quantensichere Kommunikation. Laut einem Bericht in ERCIM News verbindet das Testbed Wien und Graz über ein quantensicheres Netzwerk und hat zusätzlich eine Langstrecken-Machbarkeitsstudie über rund 400 Kilometer realisiert, von Wien bis St. Johann im Pongau. Das Schlüsselmanagement-System des Projekts unterstützt dabei hybride Schlüssel, die sowohl auf Quantenschlüsselverteilung (QKD) als auch auf klassischer Post-Quanten-Kryptografie beruhen.

Diese Kombination aus physikalischer QKD-Übertragung und mathematischer PQC ist kein Widerspruch, sondern eine bewusste Doppelstrategie: QKD sichert die Übertragung auf bestimmten Glasfaserstrecken ab, PQC schützt Software und Protokolle überall dort, wo keine dedizierte Quantenleitung existiert. Für Österreich als kleines, aber forschungsstarkes Land positioniert das Projekt das Land als einen der europäischen Vorreiter bei der praktischen Erprobung, deutlich vor dem EU-weiten Stichtag Ende 2026.

Die neuen NIST-Standards im Überblick

Technisch stützt sich die gesamte aktuelle Migration auf drei finale Standards, die das US-amerikanische NIST am 13. August 2024 veröffentlicht hat. Sie bilden mittlerweile auch das Rückgrat der europäischen und österreichischen Migrationspläne, weil es schlicht keine Alternative gibt, die denselben Reifegrad und dieselbe öffentliche Prüfung durchlaufen hat.

StandardBasisalgorithmusFunktionTypischer Einsatz
FIPS 203ML-KEM (vormals CRYSTALS-Kyber)Schlüsselkapselung (KEM)Schlüsselaustausch, z. B. im TLS-Handshake
FIPS 204ML-DSA (vormals CRYSTALS-Dilithium)Digitale SignaturZertifikate, allgemeine Signaturen
FIPS 205SLH-DSA (vormals SPHINCS+)Digitale Signatur, hashbasiertKonservatives Backup-Signaturverfahren

Die Auswahl dieser Algorithmen war das Ergebnis eines mehrjährigen, offenen Wettbewerbs. NIST hatte die vier zugrundeliegenden Verfahren, CRYSTALS-Kyber, CRYSTALS-Dilithium, Falcon und SPHINCS+, bereits am 22. Juli 2020 als Kandidaten der dritten Runde benannt und sie am 5. Juli 2022 endgültig ausgewählt. Kyber wurde zur Basis für die Schlüsselkapselung, Dilithium und SPHINCS+ zu primären Signaturstandards, Falcon als zusätzliches Signaturverfahren. Zwischen Auswahl und finaler Veröffentlichung als FIPS-Standard vergingen gut zwei Jahre, in denen Implementierungsdetails, Nebenkanalresistenz und Interoperabilität weiter geprüft wurden.

Blockchain im Fadenkreuz: die Quantum Alliance

Am 15. Oktober 2026, nur acht Tage nach den Europol-Berichten, haben neun Blockchain-Organisationen eine gemeinsame Initiative namens Quantum Alliance gestartet. Ziel ist laut The Quantum Insider ein offener Standard, um die Post-Quanten-Bereitschaft von Blockchain-Netzwerken, Wallets und der zugehörigen Infrastruktur zu definieren und zu überprüfen. Der Zeitpunkt ist kein Zufall: Europol hatte in seinen Berichten exakt diesen Sektor als eines der am stärksten exponierten Ziele für Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffe benannt.

Der Grund dafür liegt in der Natur öffentlicher Blockchains selbst. Während ein TLS-Zertifikat regelmäßig erneuert und ausgetauscht werden kann, bleiben öffentliche Schlüssel auf einer Blockchain oft dauerhaft sichtbar, in vielen Fällen seit der ersten Transaktion einer Adresse. Genau das macht sie zu besonders langlebigen Zielen für das Sammeln verschlüsselter beziehungsweise signierter Daten, die erst Jahre später angreifbar werden könnten. Die Quantum Alliance will deshalb nicht nur Algorithmen austauschen, sondern auch Wallet-Anbieter, Exchanges und Protokoll-Entwickler koordinieren, ein Schritt, den Europol in seinem Bericht ausdrücklich empfohlen hatte.

Historischer Rückblick: von Shors Algorithmus zum FIPS-Standard

Die heutige Dringlichkeit hat eine über 30 Jahre alte Wurzel. 1994 veröffentlichte der Mathematiker Peter Shor seine Arbeit “Algorithms for Quantum Computation: Discrete Logarithms and Factoring”, in der er zeigte, dass ein ausreichend leistungsfähiger Quantencomputer sowohl Primfaktorzerlegung als auch diskrete Logarithmen in polynomialer Zeit lösen könnte, genau die mathematischen Probleme, auf denen RSA und elliptische Kurven beruhen. Praktisch blieb das jahrzehntelang ein theoretisches Problem, weil kein Computer existierte, der groß genug war, um den Algorithmus tatsächlich anzuwenden.

Das NIST reagierte trotzdem früh: Am 20. Dezember 2016 rief die Behörde offiziell zur Einreichung quantensicherer Verfahren auf und startete damit ihren Standardisierungswettbewerb. Nach mehreren Auswahlrunden, darunter 26 Kandidaten im Januar 2019 und die entscheidende dritte Runde im Juli 2020, wählte NIST am 5. Juli 2022 die vier Verfahren aus, die später zu FIPS 203, 204 und 205 wurden. Die endgültige Veröffentlichung als bindender US-Bundesstandard erfolgte schließlich am 13. August 2024, mit rechtlicher Wirksamkeit ab dem 14. August 2024. Vom ersten mathematischen Beweis bis zum fertigen Standard vergingen also drei Dekaden, von der formalen Standardisierung bis zur Fertigstellung knapp acht Jahre. Die EU-Fristen für 2026 und 2030 markieren damit nicht den Anfang, sondern die nächste, praktische Phase dieser langen Entwicklung.

Wettbewerbsvergleich: Wer bei der Migration vorn liegt

Nicht alle Akteure starten 2026 von null. Große Technologiekonzerne mit zentraler Kontrolle über ihre eigene Infrastruktur haben in den vergangenen Jahren bereits eigene hybride Verfahren ausgerollt, die klassische Algorithmen mit post-quanten-sicheren Verfahren kombinieren. Das verschafft ihnen einen praktischen Vorsprung gegenüber Organisationen, die auf heterogene, von Dritten verwaltete Systeme angewiesen sind.

Browser, Messenger und Cloud-Infrastruktur

Im Browser- und Messenger-Umfeld gehören hybride Schlüsselaustausch-Verfahren inzwischen zum Alltag großer Plattformen, ebenso bei zentral kontrollierten Cloud-Diensten, die ihre eigenen TLS-Implementierungen steuern. Der entscheidende Unterschied zu klassischen Unternehmen: Diese Anbieter kontrollieren sowohl Client als auch Server und können neue Verfahren per Software-Update ausrollen, ohne auf Dritthersteller warten zu müssen. Öffentliche Verwaltungen und mittelständische Betriebe haben diesen Hebel in der Regel nicht. Sie sind auf Hardware-Zertifizierungen, Software-Lieferanten und teils jahrzehntealte Altsysteme angewiesen, bei denen ein einfaches Update nicht ausreicht.

Im Vergleich zur US-Linie, die seit August 2024 verbindliche FIPS-Standards und seit 2025 eine behördliche Umsetzungsfrist kennt, wirkt der EU-Fahrplan mit Beginn bis Ende 2026 und Ziel bis 2030 zunächst weicher formuliert. Inhaltlich zielen beide Ansätze aber auf dieselben Algorithmen und dieselbe Grundlogik: zuerst Inventur, dann hybride Übergangslösungen, am Ende vollständiger Ersatz der alten Verfahren. Der Unterschied liegt vor allem im Ton, nicht im technischen Ziel.

Stimmen zur Frist: EU-Kommission und Europol im Wortlaut

Wie ernst Brüssel und Den Haag die Lage einschätzen, zeigt sich am deutlichsten in den eigenen Formulierungen der beiden Institutionen. Die Europäische Kommission begründet ihre Frist unmissverständlich: Alle Mitgliedstaaten sollten mit der Umstellung auf Post-Quanten-Kryptografie bis Ende 2026 beginnen, heißt es auf der Policy-Seite der Kommission zum Thema. Zur eigentlichen Bedrohungslage schreibt die Kommission an gleicher Stelle, Store-now-decrypt-later-Angriffe liefen wahrscheinlich schon heute, weil Angreifer bereits jetzt Datenverkehr speicherten, um ihn später zu entschlüsseln, sobald ein Quantencomputer verfügbar sei.

Europol selbst bleibt in seiner öffentlichen Kommunikation auffallend nüchtern. Zur Frage, wann genau ein kryptografisch relevanter Quantencomputer existieren wird, erklärte die Behörde laut Berichterstattung, diese Unsicherheit “sollte nicht die Hauptsorge sein”, wie postquantum.com dokumentiert. Stattdessen betont Europol den Prozess der Vorbereitung selbst und wird dabei in Berichten über die empfohlene phasenweise Umstellung mit dem Satz zitiert, proaktive Anpassung, nicht ein systemischer Kollaps, sei das wahrscheinlichste Ergebnis, wie headtopics.com aus den Europol-Empfehlungen zur stufenweisen Umstellung auf Post-Quanten-Sicherheit berichtet.

Diese Wortwahl ist bewusst gewählt. Europol will erkennbar keine Panik auslösen, sondern einen rationalen, planbaren Übergang einfordern, der nicht von einem einzelnen Stichtag abhängt, sondern von konsequenter, früh begonnener Vorbereitung.

Fünf Prognosen für die Post-Quanten-Migration bis 2030

  • Hybride Verfahren werden zum De-facto-Standard. Bis Ende 2026 dürften die meisten großen Cloud- und Browser-Anbieter in der EU klassische und post-quanten-sichere Algorithmen parallel einsetzen, bevor rein klassische Verfahren überhaupt abgeschaltet werden.
  • Behördliche Druckwellen folgen dem US-Muster. So wie NIST 2024 und 2025 verbindliche Fristen setzte, dürften einzelne EU-Mitgliedstaaten ab 2027 nationale Umsetzungsgesetze mit eigenen Zwischenfristen erlassen, statt sich allein auf die Brüsseler Empfehlung zu verlassen.
  • Der Blockchain-Sektor bewegt sich schneller als klassische IT. Getrieben von der neuen Quantum Alliance und dem Europol-Fokus auf exponierte Wallet-Schlüssel ist zu erwarten, dass einzelne große Protokolle schon vor 2028 eigene PQC-Signaturoptionen anbieten, früher als viele klassische Behördensysteme.
  • Österreich positioniert sich als Testfeld, nicht als Nachzügler. Mit QCI-CAT und der Nähe zu IETF- und IAB-Terminen in Wien und Prag dürfte Österreich bei hybriden QKD/PQC-Ansätzen eine Vorreiterrolle unter den kleineren EU-Staaten behalten.
  • Die Lücke zwischen Verschlüsselung und Signatur bleibt bestehen. Da die IETF selbst einräumt, dass sich die Post-Quanten-Authentifizierung langsamer entwickelt als der Schlüsselaustausch, ist bis 2030 mit einer Übergangsphase zu rechnen, in der viele Systeme quantensicher verschlüsseln, aber noch klassisch signieren.

Was Unternehmen in Österreich jetzt konkret tun sollten

Der erste sinnvolle Schritt ist unspektakulär, aber unverzichtbar: eine vollständige Kryptografie-Inventur. Ohne zu wissen, wo im eigenen Netzwerk, in APIs, in Firmware und in Drittanbieter-Software klassische RSA- oder ECC-Verfahren stecken, lässt sich keine Migration planen. Europol empfiehlt in seinem Bericht genau diesen Schritt als Ausgangspunkt, gefolgt von der Priorisierung jener Systeme, die besonders lange vertrauliche Daten verarbeiten.

Der zweite Schritt betrifft Protokolle: Wo noch ältere TLS-Versionen oder veraltete SSH-Konfigurationen im Einsatz sind, sollte zügig auf TLS 1.3 und SSH2 mit konsequenter Forward Secrecy umgestellt werden, wie es Europol explizit vorschlägt. Das reduziert schon heute die Angriffsfläche für Harvest-Now-Decrypt-Later-Szenarien, unabhängig davon, wann die eigentliche PQC-Migration abgeschlossen ist.

Drittens lohnt sich ein Blick auf Lieferanten und Software-Anbieter: Wer Hardware-Sicherheitsmodule, VPN-Appliances oder Signatursysteme von Dritten bezieht, sollte jetzt aktiv nach deren PQC-Fahrplan fragen, statt erst 2029 eine böse Überraschung zu erleben. Gerade für kleinere österreichische Unternehmen, die selten eigene Kryptografie-Experten beschäftigen, ist das der realistischste Hebel, um die EU-Frist bis 2030 ohne Panik einzuhalten.

Häufig gestellte Fragen zur Post-Quanten-Kryptografie

Was bedeutet Post-Quanten-Kryptografie genau?

Post-Quanten-Kryptografie (PQC) umfasst Verschlüsselungs- und Signaturverfahren, die darauf ausgelegt sind, auch gegen Angriffe mit leistungsfähigen Quantencomputern sicher zu bleiben. Sie basiert auf anderen mathematischen Problemen als klassisches RSA oder ECC, etwa auf Gitterproblemen oder Hash-Funktionen.

Warum setzt die EU-Kommission die Frist auf Ende 2026?

Die Kommission begründet den Zeitpunkt mit der langen Vorbereitungszeit, die große Organisationen für eine Migration brauchen, und mit dem Risiko von Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffen, die schon heute laufen können, auch wenn ein kryptografisch relevanter Quantencomputer noch nicht existiert.

Was ist ein Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriff?

Dabei sammeln Angreifer schon heute verschlüsselten Datenverkehr oder Signaturen und speichern sie, um sie erst in der Zukunft zu entschlüsseln, sobald ein ausreichend starker Quantencomputer verfügbar ist. Betroffen sind vor allem Daten, die lange vertraulich bleiben müssen.

Welche Algorithmen ersetzen RSA und elliptische Kurven?

Die zentralen NIST-Standards sind FIPS 203 (ML-KEM, vormals Kyber) für den Schlüsselaustausch sowie FIPS 204 (ML-DSA, vormals Dilithium) und FIPS 205 (SLH-DSA, vormals SPHINCS+) für digitale Signaturen. Alle drei wurden am 13. August 2024 final veröffentlicht.

Sind Kryptowährungs-Wallets schon jetzt in Gefahr?

Noch nicht akut, aber Europol warnt, dass öffentliche Schlüssel auf Blockchains dauerhaft sichtbar bleiben und damit ein besonders langlebiges Ziel für Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffe darstellen. Deshalb hat die Branche mit der Quantum Alliance eine eigene Standardisierungsinitiative gestartet.

Was macht Österreich mit dem Projekt QCI-CAT konkret?

QCI-CAT verbindet Wien und Graz über ein quantensicheres Testnetz und hat eine rund 400 Kilometer lange Machbarkeitsstudie bis St. Johann im Pongau realisiert. Das Schlüsselmanagement unterstützt hybride Schlüssel aus Quantenschlüsselverteilung und klassischer Post-Quanten-Kryptografie.

Sind TLS 1.3 und SSH2 damit automatisch quantensicher?

Nein. TLS 1.3 und SSH2 mit Forward Secrecy reduzieren vor allem das Risiko von Harvest-Now-Decrypt-Later-Angriffen auf den Transportweg, weil sie veraltete, leichter angreifbare Konfigurationen ersetzen. Volle Quantensicherheit entsteht erst, wenn die eingesetzten Schlüsselaustausch- und Signaturverfahren selbst auf PQC-Standards wie ML-KEM oder ML-DSA umgestellt werden.