Sony steht wegen des PlayStation Store gleichzeitig in vier Gerichtsverfahren auf drei Kontinenten. In Großbritannien fordert eine Sammelklage vor dem Competition Appeal Tribunal bis zu 2 Milliarden Pfund Schadenersatz für rund 12,2 Millionen Nutzer, in den Niederlanden verlangt die Stiftung „Fair PlayStation” mehr als 400 Millionen Euro, in den USA hat Sony bereits 7,85 Millionen Dollar Vergleichssumme zugesagt – und seit dem 18. Juni 2026 läuft in Kalifornien eine vierte Klage, die Sonys „Jetzt kaufen”-Button selbst infrage stellt. Im Zentrum aller vier Verfahren steht dieselbe Frage: Nutzt Sony seine Kontrolle über die Plattform aus, um Preise künstlich hochzuhalten und Käufer über die wahre Natur digitaler Spiele zu täuschen? Der Ausgang könnte nicht nur über Milliardensummen entscheiden, sondern auch, wie digitale Güter auf Spielkonsolen weltweit verkauft werden dürfen.

Vier Klagen, ein gemeinsamer Vorwurf

Was auf den ersten Blick wie vier unabhängige Rechtsstreitigkeiten wirkt, teilt einen roten Faden: Wer eine PlayStation 5 oder PS4 besitzt, kann digitale Spiele ausschließlich über den PlayStation Store kaufen. Anders als am PC, wo Epic Games Store, GOG oder Steam um Kunden konkurrieren, gibt es auf Sonys Konsolen keinen alternativen Marktplatz. Entwickler dürfen ihre Titel ohne Sonys Zustimmung nicht anderswo vertreiben, und auf jeden Kauf erhebt Sony rund 30 Prozent Provision – ein Satz, der branchenweit als Standard gilt, den Kläger in allen vier Verfahren aber als überhöht und wettbewerbswidrig bezeichnen. Die rechtlichen Ansätze unterscheiden sich: In Großbritannien geht es um Marktmachtmissbrauch, in den Niederlanden um konkrete Preisaufschläge, in den USA um irreführende Werbung und um die Frage, was ein „Kauf” digitaler Güter überhaupt rechtlich bedeutet. Zusammengenommen ergeben die vier Verfahren das bislang umfassendste rechtliche Sperrfeuer gegen dieses geschlossene Geschäftsmodell.

Großbritannien: „PlayStation You Owe Us” vor dem Competition Appeal Tribunal

Das größte und am weitesten fortgeschrittene Verfahren läuft in London. Unter dem Namen „PlayStation You Owe Us” reichte Alex Neill, Geschäftsführerin der Verbraucherorganisation Consumer Voice, am 22. August 2022 beim Competition Appeal Tribunal (CAT) Klage ein, Aktenzeichen 1527/7/7/22. Finanziert wird das Verfahren vom Prozessfinanzierer Woodsford, die juristische Führung liegt bei den Kanzleien Milberg London und Hausfeld unter Federführung von Robert Palmer KC. Nach einer Anhörung zur Zulassung im Juni 2023 erteilte das Tribunal im Januar 2024 formal die Collective Proceedings Order. Die Klasse umfasst alle britischen Nutzer, die zwischen dem 19. August 2016 und dem 12. Februar 2026 digitale Spiele oder Inhalte im PlayStation Store gekauft haben – ursprünglich rund 8,9 Millionen zertifizierte Betroffene, inzwischen durch die verlängerte Erfassungsperiode auf etwa 12,2 Millionen angewachsen.

Der eigentliche Prozess lief vom 10. März bis zum 8. Mai 2026 über rund zehn Wochen. Ein Urteil steht Stand Mitte Juli 2026 weiterhin aus – Beobachter rechnen frühestens in einigen Monaten mit einer Entscheidung. Die Schadenssumme wurde im Lauf des Verfahrens präzisiert: Ursprünglich waren bis zu 5 Milliarden Pfund als Obergrenze zertifiziert, beziffert wurde die Forderung beim Prozess auf rund 1,49 Milliarden Pfund zuzüglich 8 Prozent Zinsen, was in Summe etwa 2 Milliarden Pfund (umgerechnet rund 2,7 Milliarden US-Dollar) ergibt. Im Schnitt entspräche das einer Überzahlung von etwa 162 Pfund pro Nutzer, wobei die individuellen Schätzungen je nach Kaufverhalten zwischen 67 und 562 Pfund liegen.

Die Vorwürfe: geschlossenes Ökosystem, 30 Prozent Provision

Rechtlich stützt sich die britische Klage auf Chapter II des Competition Act 1998 sowie – für den Zeitraum vor dem Brexit – auf Artikel 102 AEUV, also auf das Verbot des Missbrauchs einer marktbeherrschenden Stellung. Die Klageschrift wirft Sony vor, ein geschlossenes System zu betreiben, das Käufer zu einer „gefangenen Klasse” macht, da auf der Konsole keine konkurrierenden Stores zugelassen sind und Entwickler vertraglich an einen Vertrieb ausschließlich über den PlayStation Store gebunden werden.

„Ein geschlossenes Ökosystem, das Nutzer zu einer gefangenen Klasse macht, ohne jede realistische Ausweichmöglichkeit auf einen alternativen Anbieter.”

Sinngemäße Formulierung aus der Klageschrift Alex Neill v. Sony Interactive Entertainment, CAT-Verfahren 1527/7/7/22

Der zentrale Zahlenwert ist die Provision von rund 30 Prozent, die Sony auf praktisch jeden digitalen Kauf erhebt. Die Kläger argumentieren, dieser Satz sei angesichts fehlenden Wettbewerbs künstlich hochgehalten und werde eins zu eins an Endkunden weitergereicht. Sony selbst hat den genauen Provisionssatz nie offiziell bestätigt, 30 Prozent gilt jedoch branchenweit als Richtwert – exakt derselbe Satz, den auch Apple, Google und lange Zeit auch Valve über Steam verlangten. Weitere Details zur juristischen Argumentation liefert die Fallanalyse von LegalClarity, die Führung der Klägerseite übernimmt neben Milberg London die Kanzlei Hausfeld, finanziert durch Woodsford.

Sonys Verteidigung und der Streit um die Prozessfinanzierung

Sony versuchte zunächst, die Klage per Antrag auf Abweisung oder Summary Judgment zu stoppen – das Tribunal lehnte beide Anträge ab, das Verfahren ging in die Hauptverhandlung. Inhaltlich argumentiert Sony, alternative Stores auf der Konsole stellten ein Sicherheits- und Datenschutzrisiko dar, die vergleichsweise geringen Hardware-Margen der PS5 würden durch die Provisionen aus dem digitalen Geschäft querfinanziert, und das Modell entspreche dem branchenüblichen Vorgehen von Nintendo und Microsoft. Zusätzlich bemängelt Sony, das Geschäftsmodell der Kläger erlaube „Trittbrettfahren” auf einer Plattform, in deren Aufbau Sony Milliarden investiert habe.

Parallel griff Sony die Finanzierungsvereinbarung mit Woodsford an und berief sich auf das PACCAR-Urteil des Supreme Court von 2023, das prozentuale Erfolgsbeteiligungen bei Prozessfinanzierern für unzulässig erklärt hatte. Woodsford strukturierte die Vereinbarung daraufhin auf ein gedeckeltes Vielfaches des eingesetzten Kapitals um; der Court of Appeal bestätigte dieses Modell im Juni 2025 einstimmig, der Supreme Court lehnte eine weitere Berufung Sonys ab. Der Finanzierungsstreit ist damit vom Tisch – offen bleibt einzig das Urteil in der Sache selbst.

Der Präzedenzfall: Wie Apple gegen Dr. Rachael Kent verlor

Warum Branchenbeobachter Sonys Chancen skeptisch einschätzen, liegt an einem Urteil desselben Tribunals aus dem Vorjahr. Dr. Rachael Kent hatte 2021 beim CAT im Namen von rund 36 Millionen britischen iPhone- und iPad-Nutzern gegen Apple geklagt – exakt dieselbe Rechtsgrundlage, exakt derselbe Vorwurf einer überhöhten 30-Prozent-Provision im App Store. Im Oktober 2025 entschied das Tribunal einstimmig zugunsten von Kent: Apple habe seine Marktmacht durch App-Store-Exklusivität und überhöhte Gebühren missbraucht. Der zugesprochene Schaden über ein Jahrzehnt beläuft sich auf rund 1,5 Milliarden Pfund – das erste erfolgreiche „Opt-out”-Sammelverfahren, das vor dem CAT überhaupt ein Urteil in der Sache erreichte.

Apple versuchte zu berufen: Das CAT selbst verweigerte am 13. November 2025 die Berufungserlaubnis, Apple wandte sich daraufhin an den Court of Appeal, der für den 23. März 2026 eine kombinierte Anhörung über Zulässigkeit und Berufung ansetzte – eine Entscheidung steht noch aus. Juristen werten den Kent-Fall als direkten Präzedenzfall für Neill v. Sony, da beide Verfahren vor demselben Tribunal, mit derselben Rechtsgrundlage und demselben 30-Prozent-Provisionsargument verhandelt wurden. Ganz sicher ist ein Sony-Verlust dennoch nicht: Im Fall Le Patourel v. BT stellte das CAT im Dezember 2024 zwar überhöhte Preise fest, wies die Klage aber dennoch ab, weil die Preise nicht als „unfair” im rechtlichen Sinn galten. Der Ausgang bleibt also trotz des Kent-Präzedenzfalls offen.

Niederlande: „Fair PlayStation” und der 47-Prozent-Aufschlag

In den Niederlanden verfolgt die Stiftung Massaschade & Consument unter dem Namen „Fair PlayStation” einen eigenen Ansatz auf Basis des niederländischen WAMCA-Sammelklagegesetzes. Vertreten werden rund 1,7 Millionen niederländische PS4- und PS5-Besitzer, die geltend machen, digitale Spiele im PlayStation Store kosteten im Schnitt 47 Prozent mehr als physische Kopien desselben Titels – trotz nachweislich niedrigerer Vertriebskosten bei digitalen Gütern. Die Forderung liegt bei über 400 Millionen Euro, erfasst werden Käufe seit dem 29. November 2013.

Am 29. Juni 2026 fand vor dem Bezirksgericht Midden-Nederland eine erste Anhörung statt, bei der zunächst Zuständigkeits- und Klagebefugnisfragen geklärt wurden; eine Entscheidung in der Sache steht noch aus. Bemerkenswert: Nachdem Sony im Juli 2026 offiziell bestätigt hatte, ab Januar 2028 die Produktion physischer PlayStation-Discs für Neuveröffentlichungen einzustellen, erweiterte die Stiftung ihre Klage explizit um dieses Argument – ohne physische Alternative, so die Stiftung, entscheide Sony künftig allein über Preis und Nutzungsdauer eines Spiels. Beobachter werten das niederländische Verfahren als möglichen Präzedenzfall für weitere EU-Mitgliedstaaten, in denen bislang keine vergleichbare Klage gegen den Store anhängig ist.

USA: zwei Klagen, zwei völlig unterschiedliche Ansätze

In den Vereinigten Staaten laufen parallel zwei separate Verfahren mit unterschiedlicher Stoßrichtung. Das ältere, Caccuri v. Sony Interactive Entertainment, wurde bereits im Mai 2021 vor einem Bundesgericht in Nordkalifornien eingereicht und stützt sich auf den Sherman Antitrust Act sowie den Clayton Act. Hintergrund war Sonys Entscheidung, ab dem 1. April 2019 den Verkauf von PSN-Guthabenkarten und Download-Codes über Drittanbieter wie Amazon, Best Buy und GameStop zu beenden und Nutzer damit ausschließlich auf den PlayStation Store zu verweisen. Ein erster Vergleichsvorschlag wurde im Juli 2025 vom Gericht zurückgewiesen; ein überarbeiteter Vergleich über 7,85 Millionen US-Dollar erhielt im April 2026 die gerichtliche Genehmigung. Er deckt rund 4,4 Millionen US-Käufer für den Zeitraum 1. April 2019 bis 31. Dezember 2023 ab, ausgezahlt als PSN-Guthaben; die endgültige Verteilung ist für den 15. Oktober 2026 vorgesehen, bis zu 25 Prozent der Summe fließen in Anwalts- und Verwaltungskosten.

Deutlich neuer und juristisch anders gelagert ist eine am 18. Juni 2026 von vier kalifornischen Klägern eingereichte Klage. Sie beruft sich auf das kalifornische Gesetz AB 2426, das seit 2025 in Kraft ist und Anbieter digitaler Güter verpflichtet, unmissverständlich offenzulegen, dass ein „Kauf” tatsächlich nur eine widerrufliche Lizenz einräumt. Die Klage bemängelt, dass Sonys Buttons „Jetzt kaufen” und „Kauf bestätigen” Eigentum suggerieren, während der eigentliche Lizenzhinweis in den Nutzungsbedingungen zu klein und leicht zu übersehen sei. Namentlich genannt werden unter anderem die Titel NBA 2K25, Madden NFL 26 und Resident Evil Requiem. Anders als die drei älteren Verfahren geht es hier nicht um Provisionshöhe oder Marktmacht, sondern um die Grundsatzfrage, ob ein Käufer überhaupt versteht, was er beim Kauf eines digitalen Spiels tatsächlich erwirbt.

Warum Spielkonsolen der EU-Regulierung entkommen

Eine zentrale Erkenntnis aus allen vier Verfahren: Regulierungsbehörden haben Spielkonsolen bislang nicht im Blick. Im September 2023 benannte die EU-Kommission im Rahmen des Digital Markets Act (DMA) 22 zentrale Plattformdienste von Alphabet, Amazon, Apple, ByteDance, Meta und Microsoft als „Gatekeeper” – eine Einstufung, die etwa Apple zwang, alternative App-Stores und Sideloading in der EU zuzulassen. PlayStation und Xbox wurden trotz vergleichbarer Marktmacht auf ihren jeweiligen Plattformen nicht als Gatekeeper eingestuft. Branchenvertreter fordern laut Global Competition Review seit Längerem, den DMA auf Konsolenhersteller auszuweiten, insbesondere wegen der Kontrolle über Entwicklerdaten – bislang ohne Erfolg. Solange sich daran nichts ändert, bleibt die Zivilklage wie in Großbritannien, den Niederlanden und den USA der einzige verfügbare Hebel gegen die Geschäftspraktiken der Plattform.

Die vier Klagen gegen Sony im Überblick

Die folgende Tabelle fasst Zuständigkeit, Klägerzahl, Forderung und aktuellen Verfahrensstand aller vier Klagen zusammen (Stand: Mitte Juli 2026):

Land / ZuständigkeitVerfahrenBetroffeneForderungStatus
GroßbritannienAlex Neill v. Sony (CAT 1527/7/7/22)~12,2 Mio.~2 Mrd. £ (inkl. 8 % Zinsen)Urteil ausstehend, Prozess endete 8.5.2026
NiederlandeStiftung Massaschade & Consument, „Fair PlayStation”~1,7 Mio.> 400 Mio. €Anhörung 29.6.2026, Entscheidung offen
USA (Bundesgericht)Caccuri v. Sony Interactive Entertainment~4,4 Mio.7,85 Mio. $ (Vergleich)Genehmigt Apr. 2026, Auszahlung 15.10.2026
USA (Kalifornien)Vier Kläger gg. Sony (AB 2426)4 namentlich + KlasseNicht beziffertEingereicht 18.6.2026, läuft

Provisionsvergleich: PlayStation Store vs. Apple, Google, Steam und Epic

Der 30-Prozent-Satz, um den sich die britische und die niederländische Klage drehen, ist keine Sony-Besonderheit, sondern jahrelanger Branchenstandard. Genau dieser Satz kostete Apple bereits den Kent-Prozess, und auch Google musste ihn nach einer Niederlage anpassen: Im Dezember 2023 entschied eine Jury in Epic Games v. Google in allen elf Anklagepunkten zugunsten von Epic und zwang Google, alternative Zahlungsanbieter mit Gebühren von 2,5 bis 5 Prozent statt bis zu 30 Prozent zuzulassen. Separat davon einigte sich Google im September 2023 mit US-Bundesstaaten und Verbrauchern auf eine Zahlung von 700 Millionen US-Dollar (630 Millionen Dollar Verbraucherfonds, 70 Millionen an die Bundesstaaten). Auch Valve steht mit Steam unter Druck: In Großbritannien fordert eine eigene CAT-Klage 656 Millionen Pfund, in den Niederlanden verlangt die Initiative GameClaim 220 Millionen Euro – mehr Details dazu in unserer Analyse zur Steam-Kartellklage.

PlattformStandard-ProvisionRechtlicher Status 2026
PlayStation Store~30 %Beklagt in UK, NL, USA (2×)
Apple App Store30 %Verloren gg. Kent, Okt. 2025 (UK)
Google Play30 % (Altfälle)Nach Epic-Urteil (Dez. 2023) angepasst
Valve Steam~30 %Beklagt in UK (656 Mio. £) und NL (220 Mio. €)
Epic Games Store12 %Kläger in mehreren Verfahren gg. Apple/Google

Historischer Kontext: der lange Weg zu offeneren App-Stores

Die aktuellen PlayStation-Store-Klagen stehen am vorläufigen Ende einer mehrjährigen Entwicklung. Ausgangspunkt war 2020 Epics offener Konflikt mit Apple und Google, nachdem beide Fortnite wegen eines eigenen Zahlungssystems aus ihren Stores geworfen hatten. Das folgende Verfahren Epic v. Apple endete 2021 gemischt: Apple musste Entwicklern externe Zahlungslinks erlauben, blieb aber als Marktbeherrscher unbeanstandet. Deutlich schärfer fiel das Urteil im Fall Epic v. Google im Dezember 2023 aus. 2024 zwang der europäische DMA Apple, in der EU Sideloading und alternative App-Stores zuzulassen. Mit dem Kent-Urteil im Oktober 2025 verschob sich der Fokus dann erstmals von App-Stores auf mobilen Geräten hin zu geschlossenen Plattformen im Allgemeinen – und mit Neill v. Sony 2026 erstmals konkret auf Spielkonsolen. Was als Streit um Mobile-Payment-Optionen begann, ist damit zu einem branchenübergreifenden Angriff auf 30-Prozent-Provisionsmodelle geworden, der nun auch vor PlayStation, und absehbar auch vor Xbox und Nintendo, nicht haltmacht.

Marktauswirkungen: Was ein Sony-Urteil für die Gaming-Branche bedeuten würde

Für Sony selbst wäre selbst ein verlorenes Verfahren über 2 Milliarden Pfund finanziell verkraftbar – die PlayStation-Sparte erwirtschaftet jährlich Milliardenumsätze allein über digitale Verkäufe. Strukturell brisanter ist ein möglicher Präzedenzfall: Müsste Sony wie zuvor Google alternative Zahlungswege oder gar Drittanbieter-Stores auf der PS5 zulassen, geriete das komplette Provisionsmodell der Konsolenindustrie unter Druck – mit direkten Folgen für Microsofts Xbox Store und Nintendos eShop, die nach identischem Muster funktionieren. Entwickler und Publisher, die ohnehin unter sinkenden Margen leiden – man denke an die ins Stocken geratene EA-Übernahme oder Ubisofts Verkauf von Anteilen an Tencent –, würden von niedrigeren Plattformgebühren unmittelbar profitieren. Gleichzeitig warnt Sony, dass niedrigere Provisionen langfristig höhere Hardwarepreise oder reduzierte Investitionen in Exklusivtitel nach sich ziehen könnten, da das aktuelle Modell explizit auf Quersubvention ausgelegt ist.

Für die ohnehin angespannte Konsolenbranche kommt der Rechtsstreit zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt: Die weltweiten Konsolenverkäufe sind 2026 spürbar eingebrochen, die PS5-Absätze allein um rund 58 Prozent. Ein zusätzliches Milliardenurteil träfe Sony also in einer Phase, in der die PlayStation-Sparte ohnehin unter Druck steht, ihre Profitabilität zu verteidigen.

Was das für Käufer in Deutschland und der EU bedeutet

Eine eigenständige deutsche Sammelklage gegen die Provisionspraxis des Sony-Stores existiert bislang nicht. Dabei hat der deutsche Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) durchaus bereits Erfahrung mit Sony: Gegen die PS-Plus-Preiserhöhungen erwirkte der vzbv vor dem Kammergericht Berlin bereits ein Urteil, gegen das Sony inzwischen vor dem Bundesgerichtshof Berufung eingelegt hat – ein anderes Thema als die PlayStation-Store-Provisionen, aber derselbe Konzern, dieselbe grundsätzliche Bereitschaft deutscher Verbraucherschützer, gegen Sony vorzugehen.

Rechtlich steht deutschen Verbrauchern mit der seit 2018 bestehenden Musterfeststellungsklage nur ein vergleichsweise stumpfes Schwert zur Verfügung: Sie stellt lediglich Tatsachen verbindlich fest, individuelle Schadenersatzansprüche müssen Betroffene anschließend selbst geltend machen. Seit der Umsetzung der EU-Verbandsklagenrichtlinie im deutschen Verbraucherrechtedurchsetzungsgesetz (VRUG) 2023 können qualifizierte Einrichtungen wie der vzbv jedoch auch grenzüberschreitende Abhilfeklagen mit direkter Schadenersatzforderung anstrengen – näher am britischen Opt-out-Modell oder der niederländischen WAMCA-Klage als die alte Musterfeststellungsklage. Sollte das niederländische „Fair PlayStation”-Verfahren erfolgreich sein, gilt es unter Juristen als wahrscheinlichste Vorlage für eine spätere deutsche oder EU-weite Klage gegen den PlayStation Store.

Praktisch betrifft die Debatte um „Kauf” versus „Lizenz” auch deutsche Spieler unmittelbar: Digitale PlayStation-Store-Käufe sind an das persönliche PSN-Konto gebunden, nicht übertragbar und nicht weiterverkaufbar. Wer den Zugriff auf sein Konto verliert – etwa durch einen erfolgreichen Phishing-Angriff oder eine Kontoübernahme – verliert damit im Zweifel auch den Zugriff auf die gesamte gekaufte Spielebibliothek. Das ist einer der Gründe, warum robuste Passwörter und Zwei-Faktor-Authentifizierung gerade bei Gaming-Konten mit umfangreicher Kaufhistorie keine Kür, sondern Pflicht sind.

Lizenz statt Eigentum: ein technischer Blick auf das Store-Modell

Der Kern der kalifornischen AB-2426-Klage lässt sich am ehesten anhand des Datenmodells hinter einem digitalen Kauf verstehen. Vereinfacht und rein illustrativ – keine echte Sony-API – lässt sich ein PlayStation-Store-„Kauf” als Lizenz-Eintrag darstellen, nicht als Eigentumsübertragung:

// Illustrativ, KEINE echte Sony-API-Struktur
{
  "entitlementId": "ent_9f2c...",
  "accountId": "psn_user_id",
  "productId": "UP0000-NBA2K25...",
  "type": "REVOCABLE_LICENSE",
  "transferable": false,
  "resellable": false,
  "revocationConditions": [
    "accountTermination",
    "titleDelisting",
    "regionalRightsExpiry"
  ]
}

Genau dieser Unterschied zwischen einem klassischen Kauf (Eigentumsübertragung, frei weiterverkaufbar, siehe Gebrauchtspielemarkt bei physischen Discs) und einer widerruflichen Lizenz steht im Zentrum der kalifornischen Klage. Sony weist in den Nutzungsbedingungen zwar korrekt auf die Lizenzform hin, die AB-2426-Kläger argumentieren aber, dieser Hinweis müsse vor Abschluss eines Kaufs ebenso prominent sichtbar sein wie der „Jetzt kaufen”-Button selbst.

Prognosen: Wie geht es 2026 und 2027 weiter?

  • UK-Urteil frühestens Ende 2026: Angesichts der Verfahrensdauer im Kent-Fall (Urteil erst rund zwei Jahre nach Prozessbeginn) ist im Fall Neill v. Sony kaum vor dem vierten Quartal 2026 oder Anfang 2027 mit einer Entscheidung zu rechnen.
  • Berufung ist so gut wie sicher: Unabhängig vom Ausgang wird die unterlegene Seite – wie bereits im Kent-Fall bei Apple zu beobachten – aller Voraussicht nach den Court of Appeal anrufen, was eine endgültige Klärung zusätzlich um Jahre verzögern dürfte.
  • Die Niederlande könnten zum EU-Vorbild werden: Fällt die „Fair PlayStation”-Entscheidung zugunsten der Kläger aus, dürften ähnliche WAMCA- oder Verbandsklagen in weiteren EU-Staaten folgen, in Deutschland am ehesten getragen vom vzbv.
  • Druck auf Microsoft und Nintendo wächst: Ein Sony-Verlust in Großbritannien würde die strukturell identischen Provisionsmodelle von Xbox Store und Nintendo eShop unter verstärkte rechtliche Beobachtung stellen, auch ohne dass bereits konkrete Klagen vorliegen.
  • Regulierung bleibt vorerst aus: Eine kurzfristige Ausweitung des DMA auf Spielkonsolen ist nicht in Sicht; Zivilklagen bleiben mittelfristig der einzige wirksame Hebel gegen die Store-Praktiken der Konsolenhersteller.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es bei der PlayStation-Store-Klage in Großbritannien konkret?

Alex Neill wirft Sony vor dem Competition Appeal Tribunal vor, seine Marktmacht über den PlayStation Store zu missbrauchen und über eine faktisch alternativlose Plattform künstlich hohe Provisionen und damit Preise durchzusetzen. Die Forderung liegt bei rund 2 Milliarden Pfund für etwa 12,2 Millionen Betroffene.

Wann fällt das Urteil im britischen Verfahren?

Der Prozess endete am 8. Mai 2026, ein Urteil lag Stand Mitte Juli 2026 noch nicht vor. Rechtsexperten rechnen frühestens gegen Ende 2026 mit einer Entscheidung.

Betrifft die Klage auch Käufer in Deutschland oder der restlichen EU?

Nein, die britische Sammelklage gilt ausschließlich für Käufe über britische PSN-Konten. Für deutsche und übrige EU-Käufer existiert bislang keine vergleichbare Klage gegen die Provisionspraxis des Stores – die niederländische „Fair PlayStation”-Klage gilt ebenfalls nur für niederländische Nutzer.

Was ist die „Fair PlayStation”-Klage in den Niederlanden?

Die Stiftung Massaschade & Consument vertritt rund 1,7 Millionen niederländische PlayStation-Besitzer und fordert über 400 Millionen Euro, weil digitale Spiele im PlayStation Store durchschnittlich 47 Prozent teurer seien als physische Kopien desselben Titels.

Was hat der Fall mit Apple und Google zu tun?

Dieselbe britische Instanz entschied im Oktober 2025 gegen Apple im Fall Kent v. Apple, ebenfalls wegen einer 30-Prozent-App-Store-Provision. Juristen sehen darin einen direkten Präzedenzfall für die Sony-Klage. Google musste nach einer Niederlage gegen Epic Games im Dezember 2023 alternative Zahlungsanbieter im Play Store zulassen.

Wie hoch ist die Provision, um die es in den Klagen geht?

Rund 30 Prozent auf digitale Verkäufe im PlayStation Store – derselbe Satz, den auch Apple App Store, Google Play und lange Zeit Steam verlangten. Der Epic Games Store erhebt zum Vergleich nur 12 Prozent.

Was ist die kalifornische AB-2426-Klage, und worin unterscheidet sie sich?

Vier kalifornische Kläger reichten am 18. Juni 2026 Klage ein, weil Sonys „Jetzt kaufen”-Button suggeriere, Nutzer würden Eigentum erwerben, obwohl es sich rechtlich nur um eine widerrufliche Lizenz handelt. Anders als die anderen drei Verfahren geht es hier nicht um die Provisionshöhe, sondern um mangelnde Transparenz beim Kaufvorgang selbst.

Welche Rolle spielt das Ende der physischen PlayStation-Discs dabei?

Sony stellt die Produktion physischer Discs für Neuveröffentlichungen ab Januar 2028 ein. Die niederländische Klägerstiftung nutzt diese Ankündigung als zusätzliches Argument: Ohne physische Alternative entscheide Sony künftig vollständig allein über Preis und Verfügbarkeit digitaler Spiele.