Ein französischer Videospiel-Publisher mit Marken wie RIG-Headsets, Revolution-Controllern und Studios hinter GreedFall und WRC steckt seit Februar 2026 in einer der dramatischsten Publisher-Krisen der Branche. Drei Studios wurden bereits per Gerichtsbeschluss liquidiert, der Aktienhandel ruht seit über fünfeinhalb Monaten – und am 4. August 2026 kam die vielleicht entscheidende Wende: Die wichtigsten Gläubiger von Nacon und seiner Mutter Bigben Interactive haben einer grundsätzlichen Restrukturierung zugestimmt.

Für den deutschen und DACH-Markt ist der Fall relevant, weil Nacon-Produkte über Media Markt, Saturn und einschlägige Online-Händler in Deutschland, Österreich und der Schweiz verkauft werden und mehrere Studios der Gruppe an Titeln arbeiten, die auch hierzulande eine Fangemeinde haben. Dieser Artikel ordnet die Fakten, Zahlen und die rechtlichen Mechanismen hinter der Rettung ein – von den drei bereits toten Studios bis zur 67,6-Prozent-Zustimmung der Anleihegläubiger.

Der Auslöser: Bigbens geplatzter 43-Millionen-Euro-Kredit

Ausgangspunkt der Krise ist nicht Nacon selbst, sondern dessen Mehrheitsaktionär Bigben Interactive, ein 1981 gegründetes französisches Unternehmen für Gaming-Zubehör und Unterhaltungselektronik. Bigben hält 56,72 Prozent des Kapitals und 69,54 Prozent der Stimmrechte an Nacon. Am 19. Februar 2026 sollte Bigben einen Teilbetrag eines 43-Millionen-Euro-Anleihedarlehens an seine Gläubiger zurückzahlen. Dazu kam es nicht: Der eigene Bankenpool von Bigben verweigerte überraschend und kurzfristig die Zustimmung zu einem sogenannten Ziehungsschreiben (avis de tirage), mit dem die Rückzahlung finanziert werden sollte.

In einer eigenen Unternehmensmitteilung erklärte Bigben Interactive: „BBI hat heute mitgeteilt, dass sie aufgrund der unerwarteten Weigerung ihres Bankenpools, dem an sie gerichteten Abrufschreiben nachzukommen, im Rahmen der für den 19. Februar 2026 vorgesehenen teilweisen Rückzahlung von 43 Millionen Euro an die Inhaber von BBI-Anleihen derzeit nicht in der Lage ist, diese teilweise Rückzahlung wie ursprünglich geplant vorzunehmen.” (Quelle: Financial Times Markets, Unternehmensmitteilung)

Der geplatzte Kredit war der erste Dominostein. Weil Bigben als Mehrheitsaktionär selbst zahlungsunfähig wurde, riss die Krise die börsennotierte Tochter Nacon direkt mit in die Tiefe – obwohl Nacons operatives Geschäft mit Spielen und Zubehör zu diesem Zeitpunkt nicht der eigentliche Auslöser war.

Die Insolvenz: Nacon meldet Zahlungsunfähigkeit an

Nur sechs Tage später, am 25. Februar 2026, zog Nacon nach: Der Publisher meldete dem Markt offiziell eine Zahlungseinstellung und beantragte vor dem Handelsgericht Lille Métropole die Eröffnung eines gerichtlichen Sanierungsverfahrens (redressement judiciaire), wie aus der offiziellen Pressemitteilung von Nacon hervorgeht. Parallel dazu beantragte Bigben Interactive selbst ein amicable-Vergleichsverfahren (procédure de conciliation), um mit seinen Gläubigern über eine geordnete Restrukturierung der Verbindlichkeiten zu verhandeln.

Am 2. März 2026 eröffnete das Gericht formell das Sanierungsverfahren. Ziel war laut Nacon von Anfang an, den Geschäftsbetrieb uneingeschränkt fortzuführen und möglichst viele Arbeitsplätze zu sichern – ein Vorhaben, das in den folgenden Monaten nur teilweise gelingen sollte, wie die Liquidation von drei Studios zeigt.

Handelsaussetzung an der Euronext Paris seit über fünf Monaten

Bereits einen Tag nach dem geplatzten Kredit, am 20. Februar 2026, ließ Nacon den Handel mit seinen eigenen Aktien an der Euronext Paris (Compartiment B, ISIN FR0013482791, Börsenkürzel NACON) aussetzen. Diese Aussetzung war zum Zeitpunkt der Rettungsvereinbarung Anfang August immer noch in Kraft – mehr als fünfeinhalb Monate, in denen Anleger ihre Nacon-Aktien weder kaufen noch verkaufen konnten. Für ein börsennotiertes Unternehmen ist eine derart lange Aussetzung ein außergewöhnlich langer Zustand der Rechtsunsicherheit, der auch institutionelle Investoren vor Neuengagements abschreckt.

Studios im freien Fall: Liquidationen und Restrukturierungen

Am 23. März 2026 meldeten gleich vier Nacon-Tochterstudios – Spiders, Kylotonn, Cyanide und Nacon Tech – beim Handelsgericht Lille Métropole jeweils eigene Insolvenzverfahren an. Für zwei von ihnen endete das Verfahren tödlich.

Spiders und das Ende von GreedFall

Am 29. April 2026 wurden Spiders (Paris, Entwickler von GreedFall und Steelrising, gegründet 2008 von ehemaligen Monte-Cristo-Multimedia-Mitarbeitern um Autorin Jehanne Rousseau) und Nacon Tech (die Motion-Capture-Sparte der Gruppe) per Gerichtsbeschluss liquidiert – die ersten bestätigten Opfer der Krise. Rund 70 bis 75 Spiders-Beschäftigte verloren ihre Stelle mit sofortiger Wirkung. Besonders bitter: Das parallel in Early Access befindliche Nachfolgeprojekt GreedFall: The Dying World brach nach der Liquidation auf nur noch rund 1.000 gleichzeitige Spieler auf Steam ein – gegenüber rund 16.000 beim Original GreedFall aus dem Jahr 2019, das sich über 2 Millionen Mal verkaufte. Ein Spiel verliert offenbar massiv an kommerzieller Substanz, sobald das Gründungsstudio dahinter verschwindet, selbst wenn die Entwicklung nominell weiterläuft.

Midgar Studio: Von Edge of Eternity zum Liquidationsurteil

Das zweite bestätigte Todesopfer folgte erst Monate später: Am 20./21. Juli 2026 ordnete das Gericht die Liquidation von Midgar Studio an (Montpellier, ursprünglich 2008 in Nîmes gegründet, bekannt für Edge of Eternity und Hover sowie das in Entwicklung befindliche Edge of Memories). Bis zur öffentlichen Bieterfrist am 16. Juni 2026, 12 Uhr, hatte sich kein Käufer gefunden. 27 Beschäftigte verloren ihre Anstellung. Die Ironie der Geschichte: Nacon hatte Midgar Studio erst am 7. Februar 2022 zu 100 Prozent übernommen – nur viereinhalb Jahre vor dessen Abwicklung.

Nicht alle vier im März insolvent gemeldeten Studios traf jedoch das gleiche Schicksal. Kylotonn (WRC-Rallye-Reihe, TT Isle of Man) blieb bestehen, verlor aber im Rahmen eines Beschäftigungssicherungsplans (PSE) laut Gewerkschaft STJV 84 von 124 Stellen – ein Stellenabbau von 68 Prozent. Cyanide (Styx-Reihe, Blood Bowl) befindet sich weiterhin in einem laufenden Insolvenzverfahren. Für beide Studios wurde die Beobachtungsphase mit einer Pressemitteilung vom 27. Mai 2026 bis zum 30. September 2026 verlängert; Nacons eigene Beobachtungsphase läuft laut einem Gerichtsurteil vom 29. April 2026 bis zum 2. September 2026.

Unbestätigt, aber vielfach berichtet: Big Bad Wolf (Bordeaux, mit Cyanide verbunden, bekannt für The Council und Vampire: The Masquerade – Swansong) soll im Mai 2026 inoffiziell die Arbeit eingestellt haben, nachdem das letzte Spiel des Studios, Cthulhu: The Cosmic Abyss, nur einen Metacritic-Wert von 67 erreichte und weniger als 5.000 Exemplare verkaufte. Eine offizielle Bestätigung von Nacon gibt es dafür bislang nicht.

Am 27. Mai 2026 rief die Gewerkschaft STJV (Syndicat des Travailleurs du Jeu Vidéo) angesichts der Entlassungen und Liquidationen bei Nacon einen landesweiten, verlängerbaren Streik in der französischen Videospielbranche aus.

Chronologie der Krise im Überblick

DatumEreignis
19.02.2026Bigben Interactive kann 43-Mio.-€-Anleiherückzahlung nicht leisten
20.02.2026Nacon setzt eigenen Aktienhandel an der Euronext Paris aus
25.02.2026Nacon meldet Zahlungsunfähigkeit, beantragt gerichtliches Sanierungsverfahren
02.03.2026Gericht eröffnet formell das Sanierungsverfahren
23.03.2026Spiders, Kylotonn, Cyanide und Nacon Tech melden eigene Insolvenzverfahren an
29.04.2026Spiders und Nacon Tech werden liquidiert; Nacons Beobachtungsphase bis 02.09.2026 verlängert
13.05.2026Kylotonn streicht 84 von 124 Stellen (68 %), bleibt aber bestehen
27.05.2026STJV ruft landesweiten Streik aus; Beobachtungsphase Kylotonn/Cyanide bis 30.09.2026 verlängert
16.06.2026Bieterfrist für Midgar Studio läuft ohne Käufer ab
20./21.07.2026Midgar Studio wird per Gerichtsbeschluss liquidiert (27 Beschäftigte)
04.08.2026Bigben und Nacon vermelden Grundsatzeinigung mit 67,6 % der Anleihegläubiger

Der Wendepunkt: Rettungsabkommen vom 4. August

Nach mehr als fünf Monaten reiner Verfallsgeschichte kam am 4. August 2026 die erste wirklich positive Nachricht: Bigben Interactive gab bekannt, mit seinen wichtigsten Finanzgläubigern eine grundsätzliche Einigung (accord de principe) erzielt zu haben. Nacon reagierte am selben Tag mit einer eigenen Mitteilung, in der das Unternehmen erklärte: „Im Rahmen dieser Mitteilung gibt Bigben Interactive bekannt, unter der Leitung der vom Handelsgericht Lille Métropole bestellten Vergleichsmoderatoren eine grundsätzliche Einigung ihrer wichtigsten Finanzgläubiger über eine Restrukturierung ihrer Finanzschulden erzielt zu haben – eine Einigung, die auch von einem bedeutenden Teil der Finanzgläubiger der Gesellschaft unterstützt wird.” (Quelle: Boursorama, Unternehmensmitteilung Nacon)

Gleichzeitig beantragte Bigben die Eröffnung eines beschleunigten Schutzschirmverfahrens (procédure de sauvegarde accélérée) beim Handelsgericht – ein rechtliches Instrument, das schneller als ein reguläres Sanierungsverfahren abläuft und Minderheitsgläubiger an eine qualifizierte Mehrheitsentscheidung binden kann, sobald das Gericht den Plan homologiert (gerichtlich bestätigt).

Was die Gläubiger genau zugestimmt haben

Konkret unterstützen die Einigung 67,6 Prozent der Inhaber der in Nacon-Aktien wandelbaren vorrangigen Anleihen Bigbens – ein Anleihevolumen von umgerechnet rund 59,4 Millionen Euro – sowie vier der fünf Mitglieder des Bankenpools, die zusammen etwa 80 Prozent der syndizierten Kreditsumme repräsentieren. Ein Teil des neuen Geldes, das bestimmte Bigben-Gläubiger im Zuge der Einigung bereitstellen, soll in das Eigenkapital von Nacon reinvestiert werden – allerdings ausdrücklich nur unter der Bedingung, dass das Gericht am Ende einen Sanierungsplan verabschiedet. Ohne gerichtliche Zustimmung bleibt der gesamte Deal vorläufig.

Verwässerung droht: Was Aktionären jetzt bevorsteht

Nacon warnte in seiner eigenen Mitteilung explizit vor einer massiven Verwässerung für bestehende Aktionäre. Grund dafür sind geplante Kapitalerhöhungen, die voraussichtlich deutlich unter dem aktuellen – wegen der Handelsaussetzung eingefrorenen – Marktpreis der Aktie angesetzt werden. Für Kleinanleger, die seit Februar auf eine Wiederaufnahme des Handels warten, ist das eine unangenehme Nachricht: Selbst wenn die Rettung gelingt, dürfte der Wert ihrer bestehenden Anteile spürbar sinken, sobald neue Aktien zu einem niedrigeren Kurs ausgegeben werden.

Governance: Ein Mann an der Spitze beider Unternehmen

Ein Detail, das in der Berichterstattung oft untergeht, aber für das Verständnis der Krise zentral ist: Nacon und Bigben Interactive werden von derselben Person geführt. Alain Falc ist gleichzeitig Chairman und CEO beider Unternehmen. Diese Doppelspitze bedeutet, dass ein und dieselbe Führungsperson sowohl die Liquiditätskrise der defaultierenden Holding als auch die gerichtliche Sanierung der börsennotierten Tochter gleichzeitig steuert – eine Konstellation, die Interessenkonflikte zumindest strukturell begünstigt und in der Restrukturierungsdiskussion in Frankreich zunehmend kritisch beäugt wird.

Eine weitere, in internationaler Berichterstattung selten erwähnte Eigentümerstruktur: Der Bolloré-Konzern von Vincent Bolloré hält rund 20,3 Prozent an Bigben Interactive – ein bedeutender Anteil an der Muttergesellschaft, die den ursprünglichen Zahlungsausfall auslöste.

Wer ist Nacon? Vom Bigben-Spin-off zum eigenständigen Börsengang

Nacon ging im Oktober 2019 als Ausgründung der Gaming-Sparte von Bigben Interactive hervor und feierte am 4. März 2020 sein eigenes Börsendebüt an der Euronext Paris – zu einem Ausgabepreis von 5,50 Euro pro Aktie, mit dem rund 100 Millionen Euro eingesammelt wurden. Die Equity Story lautete damals: ein „reiner” Gaming-Investment-Case, getrennt vom Unterhaltungselektronik- und Zubehörgeschäft der Mutter Bigben. Vor der aktuellen Krise umfasste die Gruppe nach übereinstimmenden Angaben 23 bis 25 Tochtergesellschaften, davon 16 Entwicklungsstudios, mit Vertrieb in rund 100 Ländern und zwischen 1.000 und 1.105 Beschäftigten. Für das Geschäftsjahr 2025/2026 wies Nacon einen Umsatz von 161,9 Millionen Euro aus.

Studio-Status im Überblick: Wer lebt, wer ist tot, wer wackelt

StudioBekannt fürStatus (Stand 05.08.2026)
SpidersGreedFall, SteelrisingLiquidiert (29.04.2026)
Nacon TechMotion CaptureLiquidiert (29.04.2026)
Midgar StudioEdge of Eternity, Hover, Edge of MemoriesLiquidiert (20./21.07.2026)
Big Bad WolfThe Council, Vampire: The Masquerade – SwansongInoffiziell geschlossen (unbestätigt)
KylotonnWRC, TT Isle of ManRestrukturierung, −68 % Personal
CyanideStyx-Reihe, Blood BowlLaufendes Insolvenzverfahren
Eko SoftwareWarhammer: Chaosbane, How to SurviveAls gefährdet eingestuft, kein offizielles Update
Ishtar GamesThe Last Spell, Dead in VinlandAls gefährdet eingestuft, kein offizielles Update
Passtech GamesRavenswatchAm wenigsten gefährdet, Switch-2-Port für Herbst 2026 angekündigt

Für neun weitere Studios der Gruppe – darunter Daedalic Entertainment, Big Ant, Neopica, KT Racing, Rogue Factor und Crea-ture Studios – gibt es bislang keine offizielle Status-Kommunikation von Nacon. Ein im Februar kursierender ResetEra-Thread listete insgesamt 16 potenziell gefährdete Studios auf; für die meisten davon ist der Stand seither unverändert unklar. Diese Tabelle sollte daher als Momentaufnahme verstanden werden, nicht als endgültige Bilanz.

Nacon ist nicht allein: Die europäische Publisher-Krise im Vergleich

Der Fall Nacon steht nicht isoliert da. Bereits 2023 erlebte der schwedische Konzern Embracer Group einen ganz ähnlichen Zusammenbruch: Ein geplatzter 2-Milliarden-Dollar-Deal mit der saudischen Savvy Games Group ließ die Aktie an einem einzigen Tag um rund 40 Prozent einbrechen, zurück blieben rund 2 Milliarden Dollar Schulden. Die Folge war eine Aufspaltung des Konzerns in mehrere eigenständige Einheiten, darunter Coffee Stain & Friends (mit THQ Nordic und über 200 Marken) und Fellowship Entertainment. Das zugrunde liegende Muster ist bei Nacon wie bei Embracer dasselbe: ein in der Nullzins-Ära zwischen 2018 und 2022 schuldenfinanzierter Zusammenkauf kleinerer und mittlerer Studios, der zusammenbricht, sobald Zinsen steigen und die pandemiebedingte Nachfrage nach Videospielen sich normalisiert.

Auch der zweite große französische Publisher, Ubisoft, steckt parallel in einer eigenen, aber ursächlich anderen Krise: Dort sind es enttäuschende AAA-Verkaufszahlen und schwindendes Investorenvertrauen, nicht eine überschuldete Holdinggesellschaft. Zwei der größten französischen Videospielkonzerne befinden sich damit im selben Sommer gleichzeitig in existenziellen Krisen – ein Umstand, der die strukturelle Verwundbarkeit des französischen und europäischen Publisher-Modells insgesamt beleuchtet.

KennzahlNacon / BigbenEmbracer Group (2023er-Krise)
AuslöserGeplatzter 43-Mio.-€-Bankkredit der MutterGeplatzter 2-Mrd.-$-Deal mit Savvy Games Group
KursreaktionHandel seit 20.02.2026 komplett ausgesetzt−40 % an einem einzigen Handelstag
Schuldenlast43 Mio. € akuter Zahlungsausfallrund 2 Mrd. $ Gesamtverschuldung
Konsequenz für Studios3 Studios liquidiert, mehrere restrukturiertKonzernaufspaltung in mehrere Einheiten
Ausgang (Stand heute)Rettungsabkommen in gerichtlicher PrüfungAufspaltung abgeschlossen, Einheiten operativ eigenständig

Marktauswirkungen: Was der Fall für Entwickler und Spieler bedeutet

Für Beschäftigte in der französischen und europäischen Spieleindustrie sendet der Fall Nacon ein unangenehmes Signal: Selbst ein etabliertes, börsennotiertes Multi-Studio-Unternehmen mit Vertrieb in 100 Ländern kann durch die Zahlungsunfähigkeit seiner eigenen Muttergesellschaft in die Insolvenz gezogen werden, ohne dass die eigenen Spiele dafür ursächlich verantwortlich sind. Für Spieler bedeutet die Krise vor allem Unsicherheit über laufende Projekte: Midgars unfertiges Unreal-Engine-5-Projekt Edge of Memories hat nach der Liquidation des Studios ein ungewisses Schicksal, ähnlich wie es GreedFall: The Dying World bereits nach Spiders’ Liquidation ergangen ist.

Für den deutschen Handel ist relevant, dass Nacon-Hardware – RIG-Headsets, Revolution-Pro-Controller und Lizenzprodukte für PlayStation und Xbox – ein etablierter Bestandteil des Zubehörsortiments bei großen Elektronikhändlern ist. Eine anhaltende Restrukturierung der Konzernmutter kann sich mittelfristig auch auf Lieferketten und Produktpflege dieser Zubehörlinien auswirken, auch wenn aktuell keine konkreten Lieferengpässe gemeldet werden.

Ausblick: Was als Nächstes passiert

Mehrere Fristen und offene Fragen bestimmen die kommenden Wochen und Monate:

  • Das Handelsgericht Lille Métropole muss über die Öffnung und spätere Homologation des beschleunigten Schutzschirmverfahrens entscheiden – ohne diese gerichtliche Bestätigung bleibt die gesamte Einigung vom 4. August vorläufig.
  • Nacons eigene Beobachtungsphase läuft bis zum 2. September 2026, die von Kylotonn und Cyanide bis zum 30. September 2026 – beide Termine dürften weitere Entscheidungen erzwingen.
  • Die angekündigten Kapitalerhöhungen zur Rekapitalisierung dürften den Nacon-Aktienkurs nach Wiederaufnahme des Handels stark unter Druck setzen, sobald ein konkreter Zeichnungspreis feststeht.
  • Der Status mehrerer namentlich noch ungeklärter Studios – darunter Daedalic Entertainment und Passtech Games – bleibt eine der größten offenen Fragen; weitere Liquidationen sind ebenso denkbar wie ein Ende der Unsicherheit.
  • Sollte die Rettung gelingen, dürfte Nacon als deutlich kleinerer, stärker fokussierter Konzern hervorgehen – mit weniger Studios, aber potenziell stabilerer Finanzierung als vor Februar 2026.

So lässt sich der Rettungsdeal vom 4. August in seinen Kernpunkten zusammenfassen:

{
  "rettungsvereinbarung_2026_08_04": {
    "anleihegläubiger_zustimmung_prozent": 67.6,
    "anleihevolumen_eur_millionen": 59.4,
    "bankenpool_zustimmung": "4 von 5 Instituten",
    "bankenpool_anteil_prozent": 80,
    "verfahren": "procédure de sauvegarde accélérée",
    "rechtsgrundlage": "Code de commerce, Art. L.628-1 ff.",
    "bedingung": "gerichtliche Homologation des Sanierungsplans",
    "risiko_fuer_aktionaere": "massive Verwässerung durch Kapitalerhöhung unter Marktpreis"
  }
}

Häufig gestellte Fragen zur Nacon-Krise

Was ist Nacon und warum ist das Unternehmen in der Krise?
Nacon ist ein französischer Publisher und Zubehörhersteller (RIG, Revolution), der 2019 von Bigben Interactive ausgegründet wurde. Die aktuelle Krise geht nicht auf Nacons eigenes Geschäft zurück, sondern auf einen Zahlungsausfall seiner Mehrheitsaktionärin Bigben Interactive im Februar 2026.

Wie hängen Nacon und Bigben Interactive genau zusammen?
Bigben Interactive hält 56,72 Prozent des Kapitals und 69,54 Prozent der Stimmrechte an Nacon. Beide Unternehmen werden zudem von derselben Person geführt: Alain Falc ist Chairman und CEO sowohl von Nacon als auch von Bigben Interactive.

Welche Studios wurden bereits geschlossen?
Bislang liquidiert sind Spiders (GreedFall, Steelrising) und Nacon Tech (beide am 29. April 2026) sowie Midgar Studio (Edge of Eternity, Hover) am 20./21. Juli 2026. Big Bad Wolf soll inoffiziell ebenfalls geschlossen haben, eine offizielle Bestätigung fehlt.

Was bedeutet das beschleunigte Schutzschirmverfahren?
Die procédure de sauvegarde accélérée ist ein französisches Restrukturierungsverfahren, das schneller abläuft als ein reguläres Sanierungsverfahren und es erlaubt, eine zwischen Schuldner und qualifizierter Gläubigermehrheit ausgehandelte Einigung nach gerichtlicher Bestätigung (Homologation) auch gegen den Willen einzelner Minderheitsgläubiger durchzusetzen.

Ist Nacon damit jetzt gerettet?
Noch nicht endgültig. Die Einigung vom 4. August 2026 ist eine grundsätzliche Vereinbarung (accord de principe), die erst nach gerichtlicher Eröffnung und Homologation des Schutzschirmverfahrens rechtlich bindend wird. Bis dahin bleibt die Rettung vorläufig.

Was passiert mit unfertigen Spielen wie Edge of Memories?
Nach der Liquidation von Midgar Studio ist die Zukunft von Edge of Memories, dem in Entwicklung befindlichen Unreal-Engine-5-Projekt des Studios, offiziell ungeklärt. Ein vergleichbarer Fall, GreedFall: The Dying World nach der Spiders-Liquidation, verlor rund 94 Prozent seiner gleichzeitigen Spielerzahl gegenüber dem Vorgänger.

Können Nacon-Aktionäre ihr Geld verlieren?
Nacon selbst hat vor einer massiven Verwässerung durch geplante Kapitalerhöhungen deutlich unter dem eingefrorenen Marktpreis gewarnt. Der Aktienhandel ist seit dem 20. Februar 2026 ausgesetzt; Kleinanleger können ihre Position bis zur Wiederaufnahme des Handels weder verkaufen noch absichern.

Was hat der Fall Nacon mit anderen Publisher-Krisen wie Embracer oder Ubisoft zu tun?
Nacon folgt einem ähnlichen Muster wie die schwedische Embracer Group, die 2023 nach einem geplatzten 2-Milliarden-Dollar-Deal zusammenbrach und sich in mehrere Einheiten aufspaltete: schuldenfinanziertes Wachstum aus der Nullzins-Ära, das unter höheren Zinsen kollabiert. Ubisofts parallele Krise hat dagegen andere Ursachen – schwache AAA-Verkäufe statt einer überschuldeten Holding.

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