Ab Juni 2026 ändert sich für Zehntausende Videospiele in ganz Europa etwas Grundlegendes: Wer Lootboxen einbaut – kostenpflichtige Zufallsobjekte wie Kartenpacks oder Beutekisten –, bekommt künftig mindestens die Alterseinstufung PEGI 16. Für deutsche Spieler klingt das vertraut, und das ist kein Zufall. PEGI-Direktor Dirk Bosmans erklärte gegenüber Heise, die Reform orientiere sich maßgeblich an den Erfahrungen der deutschen USK, die ein vergleichbares System bereits Jahre zuvor eingeführt hatte.

Die Reform ist Teil einer viel größeren Bewegung im Gaming-Sektor: Während PEGI seine “interaktiven Risikokategorien” überarbeitet, ermittelt Italiens Wettbewerbsbehörde AGCM parallel gegen Activision Blizzard wegen Diablo Immortal und Call of Duty Mobile, das EU-Parlament fordert schärfere Regeln für Minderjährige, und die EU-Kommission arbeitet an einem Digital Fairness Act, der Lootboxen europaweit verbindlich regulieren könnte. Ein Markt, der laut Branchenschätzungen weltweit rund 23 Milliarden US-Dollar im Jahr umsetzt, steht vor der bislang größten regulatorischen Zäsur seit dem belgischen Lootbox-Verbot von 2018.

Was sich bei PEGI ab Juni 2026 ändert

Am 12. März 2026 kündigte PEGI die nach eigenen Angaben größte Überarbeitung seines Bewertungssystems seit über zehn Jahren an. Ab Juni 2026 gilt für alle neu zur Bewertung eingereichten Spiele: Enthält ein Titel “bezahlte Zufallsobjekte” – also Lootboxen im klassischen Sinn –, erhält er automatisch mindestens die Alterseinstufung PEGI 16, unabhängig davon, wie harmlos Grafik oder Inhalt sonst wirken.

Betroffen sind vor allem etablierte Live-Service-Titel mit Kartenpacks, Gacha-Mechaniken oder “Mystery”-Käufen. Das prominenteste Beispiel: EA Sports FC, bislang mit PEGI 3 eingestuft, würde nach den neuen Kriterien wegen der Ultimate-Team-Kartenpacks auf PEGI 16 springen – sofern Electronic Arts die Packs nicht vor einer Neubewertung entfernt, was angesichts der Umsatzbedeutung von Ultimate Team als unwahrscheinlich gilt (unabhängig bestätigt via Esports Legal News).

Wichtig für die Einordnung: Die neuen Regeln gelten zunächst nur für Spiele, die nach dem Stichtag neu zur Bewertung eingereicht werden. Bereits veröffentlichte Titel mit bestehender PEGI-Einstufung sind nicht automatisch betroffen – erst eine Neubewertung, etwa bei einem großen Update oder einer Plattform-Neuveröffentlichung, würde die schärferen Kriterien auslösen, wie unter anderem Shacknews und Reed Smith in ihrer rechtlichen Einordnung bestätigen.

Die neuen Risikokategorien im Überblick

PEGI ersetzt sein bisheriges rein inhaltsbasiertes Modell (Gewalt, Sprache, Angst) durch eine zusätzliche Achse: das “Interaktionsrisiko”. Fünf Kategorien lösen künftig eine Mindesteinstufung aus:

KategorieAuslösendes MerkmalMindest-Alterseinstufung
Bezahlte ZufallsobjekteLootboxen, Kartenpacks, Gacha-Ziehungen gegen EchtgeldPEGI 16
Zeitlich/mengenmäßig begrenzte AngeboteCountdown-Rabatte, Strafen fürs PausierenPEGI 12
Belohnungsbasierte Log-in-SystemeTägliche Boni, Streak-MechanikenPEGI 7
Unmoderierte Online-KommunikationUngefilterter Text-/Sprachchat mit FremdenPEGI 18
NFTs / Blockchain-ElementeHandelbare digitale Sammelobjekte auf Blockchain-BasisPEGI 18

Der Systemwechsel ist bemerkenswert: PEGI bewertet künftig nicht mehr nur, was ein Spiel zeigt, sondern wie es Spieler zum Weiterspielen oder Weiterzahlen bewegt. Genau dieses Prinzip – Interaktionsrisiko als eigenständige Bewertungsachse – hat Deutschland vorexerziert.

USK als Vorbild: Wie Deutschland den Weg bereitete

2021 verankerte eine Reform des deutschen Jugendschutzgesetzes (JuSchG) erstmals sogenannte Interaktionsrisiken – darunter In-Game-Käufe – als eigenständiges Kriterium neben den klassischen Inhaltsmerkmalen in der USK-Bewertung. 2023 verschärfte die USK ihre Kriterien weiter: Rund 30 Prozent der eingereichten Titel wurden nach dem neuen Maßstab bewertet, etwa ein Drittel davon erhielt dabei eine höhere Alterseinstufung als zuvor.

Genau darauf bezog sich PEGI-Direktor Dirk Bosmans, als er die Reform ankündigte: “Es war unglaublich hilfreich, von den Erfahrungen unserer Kollegen in Deutschland zu lernen”, sagte er laut Heise. Deutschland hat das Konzept, Kaufanreize und Zufallsmechaniken als eigenes Bewertungskriterium zu behandeln, damit faktisch für die übrigen gut 30 europäischen PEGI-Märkte vorgetestet – auch wenn die USK selbst Lootbox-lastige Titel in der Vergangenheit häufig deutlich niedriger eingestuft hat, als PEGI es mit der neuen 16er-Untergrenze künftig europaweit vorschreibt.

Der lange Weg der USK seit 2017

Die rechtliche Grundhaltung der USK reicht weiter zurück. Bereits 2017 stellte die Kontrollstelle klar: “Lootboxen, die gegen ein Entgelt immer ein zufällig generiertes Item vergeben, gelten nach üblicher Auffassung bisher nicht als Glücksspiel” – und verglich die Mechanik mit Los-Buden auf Jahrmärkten oder Panini-Sammelbildern. Wichtig dabei: Die USK betonte zugleich, sie könne die Glücksspielfrage nicht selbst verbindlich klären – das sei Sache von Gesetzgeber und Gerichten im Rahmen des Glücksspielstaatsvertrags (GlüStV), nicht der Jugendschutzprüfung. Seit 2020 vergibt die USK für entsprechende Titel den Deskriptor “In-Game-Käufe (zufällige Objekte möglich)”.

Was das für deutsche Spieler konkret bedeutet

Rechtlich ändert sich in Deutschland durch die PEGI-Reform zunächst nichts: Für hierzulande vertriebene Spiele bleibt die USK zuständig, das JuSchG (für Datenträger, verpflichtend) und der Jugendmedienschutz-Staatsvertrag JMStV (für reine Online-Titel, freiwillig) bilden weiterhin den rechtlichen Rahmen. PEGI hat in Deutschland keine hoheitliche Funktion.

Praktisch spüren deutsche Spieler die Reform trotzdem: Digitale Vertriebsplattformen wie Steam oder die PlayStation Store zeigen bei europaweit vertriebenen Titeln häufig PEGI-Kennzeichnungen zusätzlich zur USK-Einstufung, insbesondere bei Neuveröffentlichungen. Eltern sollten künftig gezielt auf den Deskriptor “In-Game-Käufe (zufällige Objekte möglich)” achten – die eigentliche Warnung steckt im Kleingedruckten, nicht in der reinen Zahl. Ein technisches Sicherheitsnetz bietet das kaum: Steam etwa fragt nur ein selbst angegebenes Geburtsdatum ab, ohne es zu verifizieren.

Der Fall Activision Blizzard: Diablo Immortal im Visier der AGCM

Parallel zur PEGI-Reform eröffnete Italiens Wettbewerbsbehörde AGCM (Autorità Garante della Concorrenza e del Mercato) am 16. Januar 2026 zwei förmliche Verfahren – Aktenzeichen PS13020 und PS13039 – gegen Activision Blizzard wegen Diablo Immortal und Call of Duty Mobile. Beide Titel sind Free-to-Play mit In-App-Käufen. Die offizielle Mitteilung der AGCM listet mehrere Vorwürfe auf: manipulative Nutzeroberflächen mit FOMO-Push-Benachrichtigungen zu zeitlich begrenzten Belohnungen, verschleierter Realwert virtueller Währungen, aggressiv voreingestellte Kindersicherungen (In-App-Käufe, unbegrenzte Spielzeit und Mehrspieler-Modus standardmäßig aktiviert), Zustimmung Minderjähriger zu kommerziellem Profiling unter dem Anschein einer Pflichtangabe sowie unzureichende Information über Widerrufsrechte.

Ein konkretes Beispiel aus der italienischen Wirtschaftspresse illustriert die “Bündel-Falle”: 60 Einheiten der Diablo-Immortal-Währung kosten 0,99 Euro (0,016 Euro/Einheit), während ein Paket von 15.000 Einheiten plus Bonus 187,99 Euro kostet – der Stückpreis sinkt dabei kaum (Quifinanza). Die italienische Verbraucherschutzorganisation Codacons unterstützt das Verfahren öffentlich und droht mit Sammelklagen für betroffene Eltern, sollten sich die Vorwürfe bestätigen. Eine Entscheidung steht bislang aus.

Keine Premiere: PEGI bestrafte Blizzard schon 2023

Activision Blizzard steht nicht zum ersten Mal wegen Diablo Immortal im Fokus der Alterskennzeichnung. Bereits am 25. Mai 2023 verhängte PEGI selbst eine Strafe von 5.000 Euro gegen Activision Blizzard – und ebenfalls 5.000 Euro gegen Plaion wegen Hunt: Showdown –, weil beide Unternehmen die Lootbox-Mechaniken bei der Einreichung zur Alterseinstufung verschwiegen hatten (PEGI führte die Kennzeichnungspflicht für Zufallsmechaniken 2020 ein). Spieler verspotteten die Strafe als wirkungslos: Einzelne Diablo-Immortal-Nutzer sollen laut Berichten mehr als 5.000 Euro allein für das Spiel ausgegeben haben, wie unter anderem mein-mmo und Game Developer berichteten. Genau diese Erfahrung – eine Strafe, die kleiner ausfällt als der Umsatz eines einzelnen Vielspielers – dürfte mit erklären, warum Regulierer 2026 stärker auf Alterseinstufungen statt auf Bußgelder setzen.

Sind Lootboxen Glücksspiel? Die Rechtslage in Deutschland

Der Bundesgerichtshof definiert Glücksspiel als Einsatz eines Vermögenswerts für die Chance auf einen Gewinn, dessen Eintritt überwiegend vom Zufall abhängt – wobei der Gewinn selbst einen Vermögenswert besitzen muss. Lootboxen erfüllen meist die ersten beiden Kriterien (Einsatz, Zufall), scheitern aber regelmäßig am dritten: Virtuelle Gegenstände lassen sich in den allermeisten Fällen nicht gegen Echtgeld zurücktauschen. Nach Angaben des Europäischen Verbraucherzentrums Deutschland gibt es bislang keine deutschen Gerichtsurteile, die Lootboxen mit Glücksspiel gleichsetzen.

Das erklärt, warum Deutschland regulatorisch einen anderen Hebel gewählt hat als etwa Belgien: über den Jugendschutz statt über das Glücksspielrecht (Glücksspielstaatsvertrag). Die USK hat wiederholt betont, dass sie die Glücksspielfrage selbst nicht entscheiden kann und darf – ihre Aufgabe ist die Alterskennzeichnung, nicht die juristische Einordnung als Glücksspiel. Spiele mit Kaufanreizen und glücksspielähnlichen Elementen müssen dennoch gekennzeichnet werden, aktuell mit dem Deskriptor “In-Game-Käufe (zufällige Objekte möglich)”.

Belgien und die Niederlande: Die Vorreiter von 2018

Die aktuelle EU-Debatte hat einen klaren historischen Vorlauf. Im April 2018 stufte Belgiens Glücksspielkommission Lootboxen in Overwatch, Counter-Strike: Global Offensive und FIFA 18 als illegales Glücksspiel ein. Publisher mussten die Mechaniken entfernen oder riskierten Strafen von bis zu 800.000 Euro sowie bis zu fünf Jahre Haft – bei Beteiligung Minderjähriger verdoppelt. Star Wars Battlefront 2 blieb verschont, weil EA die Lootboxen dort bereits nach dem Start-Skandal entfernt hatte. Die niederländische Kansspelautoriteit folgte wenige Tage später mit einer eigenen Regelung und setzte den 20. Juni 2018 als Umsetzungsfrist.

Der Fall EA: Ein Bußgeld, das wieder kassiert wurde

Der niederländische Fall zeigt, wie schwer sich selbst die aggressivste EU-Regulierungsbehörde beim Thema Lootboxen tat. 2019 verhängte die Kansspelautoriteit eine Zwangsgeld-Anordnung von bis zu 5 Millionen Euro pro beteiligter EA-Gesellschaft wegen der FIFA-“Packs”. Im Oktober 2020 bestätigte das Gericht Den Haag das Recht der Behörde, EA mit 500.000 Euro pro Woche (gedeckelt bei 10 Millionen Euro) zu belegen, sollte der Verkauf fortgesetzt werden. EA zahlte nicht und focht die Entscheidung stattdessen an. In einem späteren Berufungsverfahren kippte der Staatsrat (Raad van State), die höchste niederländische Verwaltungsgerichtsinstanz, die Strafe wieder – mit der Begründung, FIFA-Lootboxen erfüllten nicht die Kriterien eines Glücksspiels. Selbst der schärfste bisherige EU-Vorstoß gegen Lootboxen scheiterte also am Ende vor Gericht – ein Grund, warum PEGI und die EU-Institutionen 2026 lieber über Alterseinstufung statt über Glücksspielrecht regulieren.

Der Digital Fairness Act: Das nächste EU-Gesetz

Während PEGI und nationale Behörden mit bestehenden Instrumenten arbeiten, bereitet die EU-Kommission mit dem Digital Fairness Act (DFA) ein verbindliches Gesetz vor, das Dark Patterns, süchtig machendes Design, Lootboxen, virtuelle Währungen, Influencer-Marketing und unfaire personalisierte Preise erstmals in einem einzigen Regelwerk bündeln soll. Ein förmlicher Kommissionsvorschlag wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet; eine vollständige Verabschiedung gilt angesichts des üblichen EU-Trilog-Tempos vor 2027 als unwahrscheinlich.

Der Branchenverband Video Games Europe unterstützt derweil ausdrücklich die PEGI-Selbstregulierung – nicht zuletzt als Strategie, einer strengeren, bindenden DFA-Regulierung zuvorzukommen. Die Botschaft der Branche: Wer sich selbst reguliert, bevor der Gesetzgeber es tut, behält mehr Gestaltungsspielraum.

Das EU-Parlament erhöht den Druck

Am 26. November 2025 verabschiedete das EU-Parlament mit 483 zu 92 Stimmen bei 86 Enthaltungen die Initiativresolution “Schutz Minderjähriger im Internet” (2025/2060(INI)). Die Resolution fordert ein Verbot von Lootboxen und glücksspielähnlichen Mechaniken für Minderjährige, das standardmäßige Deaktivieren süchtig machender Funktionen wie Endlos-Scrollen und Autoplay für Unter-18-Jährige sowie ein europaweit einheitliches digitales Mindestalter von 16 Jahren für soziale Medien und KI-Companion-Apps (mit 13 Jahren als absoluter Untergrenze).

Rechtlich bindend ist die Resolution nicht, sie gibt aber die politische Richtung vor und erhöht den Druck auf die EU-Kommission. Vorausgegangen war im Oktober 2025 bereits ein Votum des federführenden IMCO-Ausschusses, der ein Lootbox-Verbot für Minderjährige explizit als Teil des Digital Fairness Act forderte.

Der Markt hinter den Lootboxen: 23 Milliarden Dollar

Der wirtschaftliche Hintergrund erklärt, warum Regulierer und Publisher gleichermaßen so viel auf dem Spiel haben. Laut einer Analyse von S&P Global setzten Lootboxen weltweit in den vergangenen zwölf Monaten rund 23 Milliarden US-Dollar um, europäische Spieler gaben davon schätzungsweise 12 Milliarden US-Dollar jährlich für In-Game-Inhalte aus.

KennzahlWertQuelle / Zeitraum
Globaler Lootbox-Umsatzca. 23 Mrd. US-DollarS&P Global, letzte 12 Monate
Ausgaben europäischer Spieler für In-Game-Inhalteca. 12 Mrd. US-Dollar/JahrS&P Global
Anteil In-App-Käufe am mobilen Spiele-Umsatz98 %2023, evz.de
PEGI-Bußgeld gegen Activision Blizzard (2023)5.000 €PEGI Complaints Board
Möglicher Bußgeldrahmen nach italienischem Recht5.000 € – 10 Mio. € (bis 4 % Italien-Umsatz)D.lgs. 26/2023

Diese Zahlen verdeutlichen die Kluft, die Regulierer schließen wollen: Eine Branche mit zweistelligen Milliardenumsätzen stand bislang symbolischen Bußgeldern im vierstelligen Bereich gegenüber. Genau deshalb verlagert sich der regulatorische Schwerpunkt 2026 von Einzelstrafen hin zu strukturellen Eingriffen wie der PEGI-16-Regel, die den adressierbaren Markt für betroffene Spiele dauerhaft verkleinert, statt nur nachträglich zu bestrafen.

Blick über die EU hinaus: USA, Großbritannien, Brasilien

Die USA verfolgen einen grundsätzlich anderen Ansatz. Die ESRB verlangt keine PEGI-ähnliche Alterssperre, sondern nur ein Hinweislabel: “In-Game Purchases (Includes Random Items)”. Durchgesetzt wird stattdessen nachträglich über Wettbewerbsbehörden: Die FTC einigte sich am 21. Januar 2025 vor Richter Mark C. Scarsi (U.S. District Court, C.D. Cal.) mit Cognosphere/HoYoverse auf eine Zahlung von 20 Millionen US-Dollar wegen Genshin Impact – wegen COPPA-Verstößen und falsch dargestellter Lootbox-Wahrscheinlichkeiten (0,3 % Chance auf 5-Sterne-Charaktere, real oft 360 bis 540 US-Dollar nötig, um zuverlässig einen zu erhalten). Ein 2019 von Senator Josh Hawley eingebrachter Gesetzentwurf gegen Lootboxen wurde dagegen nie verabschiedet.

Großbritannien nutzt den Online Safety Act, der Spieleherstellern Altersverifizierungspflichten auferlegt und potenziell auf Plattformen wie Roblox ausgeweitet werden könnte. Brasilien bereitet parallel ein eigenes Verbot des Lootbox-Verkaufs an Minderjährige vor. Europas PEGI-Ansatz – Regulierung über Alterseinstufung statt über nachträgliche Kartellstrafen – ist damit im internationalen Vergleich der vergleichsweise schnellste, aber auch der am wenigsten punitive Weg.

Reaktionen der Branche und der Verbraucherschützer

Die Reaktionen fallen erwartungsgemäß gespalten aus. Video Games Europe wirbt für PEGI als funktionierendes Selbstregulierungsmodell und warnt implizit vor einem schwerfälligeren, gesetzlich verordneten Digital Fairness Act. Verbraucherschützer wie Codacons in Italien halten Selbstregulierung dagegen für unzureichend und fordern verbindliche, sanktionsbewehrte Regeln. Das Europäische Verbraucherzentrum Deutschland positioniert sich vorsichtiger, verweist Familien aber explizit auf die bestehenden USK-Deskriptoren als praktisches Werkzeug – ein Hinweis darauf, dass Aufklärung in Deutschland derzeit vor gesetzlicher Verschärfung rangiert.

Wie wenig Vertrauen Spieler selbst in symbolische Sanktionen haben, zeigte die Reaktion auf das 5.000-Euro-PEGI-Bußgeld von 2023: In einschlägigen Foren wurde die Summe als “Kosten des Geschäftsbetriebs” verspottet – ein Preis, den ein einzelner Vielspieler locker übertrifft.

Zeitleiste der Regulierung: Von Belgien bis PEGI 16

DatumEreignis
April 2018Belgien erklärt Lootboxen in Overwatch, CS:GO und FIFA 18 zu illegalem Glücksspiel
20. Juni 2018Niederlande setzen Kansspelautoriteit-Umsetzungsfrist für Lootbox-Anbieter
2020PEGI führt Kennzeichnungspflicht für Zufallsmechaniken ein; USK-Deskriptor “In-Game-Käufe” etabliert
2021Reform des deutschen Jugendschutzgesetzes verankert Interaktionsrisiken in der USK-Bewertung
25. Mai 2023PEGI verhängt 5.000-€-Bußgeld gegen Activision Blizzard (Diablo Immortal) und Plaion
Oktober 2025EU-Parlament (IMCO-Ausschuss) fordert Lootbox-Verbot für Minderjährige im Digital Fairness Act
26. November 2025EU-Parlament verabschiedet Resolution “Schutz Minderjähriger online” (483:92:86)
16. Januar 2026Italiens AGCM eröffnet Verfahren PS13020/PS13039 gegen Activision Blizzard
12. März 2026PEGI kündigt neue “interaktive Risikokategorien” an
Juni 2026PEGI-16-Mindesteinstufung für Lootboxen tritt für Neueinreichungen in Kraft
2. Halbjahr 2026Digital Fairness Act soll als Gesetzesvorschlag vorgelegt werden

Was Eltern und Spieler jetzt wissen sollten

Für den Alltag lassen sich drei praktische Hinweise ableiten. Erstens: Der Deskriptor “In-Game-Käufe (zufällige Objekte möglich)” auf der USK-Kennzeichnung ist derzeit der zuverlässigste deutsche Hinweis auf Lootbox-Mechaniken – wichtiger als die reine Alterszahl. Zweitens: Ab Juni 2026 werden neu eingestufte Spiele auf europäischen Vertriebsplattformen zusätzlich mit PEGI 16 oder 18 markiert, was insbesondere bei internationalen Live-Service-Titeln zu sehen sein wird. Drittens, und am wichtigsten: Weder USK noch PEGI verifizieren das Alter technisch. Die Einstufungen sind Orientierungshilfen, keine Zugangssperren.

Wirksamer als sich auf Alterskennzeichen zu verlassen, sind plattformseitige Ausgabenlimits und Familienkonten, wie sie Steam, PlayStation Network, Xbox und die großen Mobile-Stores mittlerweile anbieten. Wer als Elternteil ein Kaufbudget einrichtet, umgeht das Grundproblem, dass Alterskennzeichnungen aktuell nirgends technisch erzwungen werden.

Prognosen: Wie geht es 2026 und danach weiter?

  • Weitere PEGI-16-Hochstufungen: Neben EA Sports FC dürften 2026/2027 weitere große Live-Service-Titel bei fälliger Neubewertung auf PEGI 16 hochgestuft werden, sobald Publisher sie ohnehin aktualisieren oder auf neue Plattformen bringen.
  • Bußgeld statt Symbolik in Italien: Die AGCM-Verfahren PS13020/PS13039 dürften 2026 in eine Entscheidung münden, die sich eher am italienischen Höchstrahmen (bis 10 Mio. € bzw. 4 % Jahresumsatz) orientiert als am symbolischen 5.000-Euro-PEGI-Bußgeld von 2023.
  • Digital Fairness Act verzögert sich: Ein Kommissionsvorschlag erscheint zwar 2026, eine verbindliche Verabschiedung ist angesichts des EU-Trilog-Tempos vor 2027 unwahrscheinlich.
  • Weitere nationale Verfahren: Nach dem italienischen Vorstoß könnten weitere EU-Mitgliedstaaten eigene Verbraucherschutzverfahren gegen Publisher mit aggressiven Lootbox-Mechaniken eröffnen, ohne den Umweg über das Glücksspielrecht zu nehmen.
  • Publisher passen Monetarisierung an: Da eine PEGI-16-Einstufung den adressierbaren Markt spürbar verkleinert, dürften einige Publisher versuchen, Zufallsmechaniken durch direkte Käufe (garantierte Inhalte statt Zufallschance) zu ersetzen, um die niedrigere Einstufung zu behalten.

Häufig gestellte Fragen

Was ändert sich für deutsche Spieler durch die neue PEGI-Regel?

Rechtlich bleibt in Deutschland die USK zuständig. PEGI wirkt vor allem auf digitalen Vertriebsplattformen, die Spiele europaweit vermarkten, und wird dort zusätzliche Kennzeichnungen sichtbar machen.

Ab wann gilt die neue PEGI-16-Regel?

Für alle Spiele, die ab Juni 2026 neu zur Bewertung eingereicht werden. Bereits veröffentlichte Titel mit bestehender Einstufung sind zunächst nicht betroffen.

Gelten Lootboxen in Deutschland rechtlich als Glücksspiel?

Nein. Es gibt bislang keine deutsche Gerichtsentscheidung, die Lootboxen mit Glücksspiel gleichsetzt, da ihnen meist der für Glücksspiel nötige Vermögenswert des Gewinns fehlt.

Warum bekommt EA Sports FC künftig PEGI 16 statt PEGI 3?

Wegen der Kartenpacks im Ultimate-Team-Modus, die unter die neue Kategorie “bezahlte Zufallsobjekte” fallen – vorausgesetzt, EA entfernt die Mechanik nicht vorher.

Was hat die deutsche USK mit der PEGI-Reform zu tun?

PEGI-Direktor Dirk Bosmans nannte die deutschen Erfahrungen mit interaktionsrisikobasierten Einstufungen explizit als Vorbild für die eigene Reform.

Wie hoch könnte eine Strafe gegen Activision Blizzard in Italien ausfallen?

Der gesetzliche Rahmen reicht von 5.000 Euro bis 10 Millionen Euro beziehungsweise bis zu 4 Prozent des Italien-Umsatzes. Eine Entscheidung in den Verfahren PS13020/PS13039 steht noch aus.

Was ist der Digital Fairness Act?

Ein geplantes, verbindliches EU-Gesetz, das Lootboxen, Dark Patterns und weitere manipulative Praktiken europaweit regeln soll. Ein Vorschlag wird für die zweite Jahreshälfte 2026 erwartet.

Wie können Eltern ihre Kinder vor Lootbox-Ausgaben schützen?

Am zuverlässigsten sind plattformseitige Ausgabenlimits und Familienkonten – Alterskennzeichen allein werden technisch nicht durchgesetzt und ersetzen keine Kontrolle der Zahlungsmittel.